Falsche Erwartungen
10.07.2010: Malaysia, Super League, Selangor FA – Kelantan FA 1:1 (0:0), Shah Alam Stadium, Shah Alam, 30000 Zuschauer
Kurz vor Ende der Weltmeisterschaft hatte die lange Pause von Live-Fussball für mich ein Ende. In Malaysia ging der Spitzenkampf der höchsten Liga des Landes, der Super League, über die Bühne. Da durfte ich natürlich nicht fehlen. Malaysia ist nicht unbedingt für seinen Fussball bekannt. In der WM-Qualifikation hatte man bereits in der allerersten Qualifikationsrunde gegen die Mannschaft aus Bahrain anzutreten, welche mit einem 4:1-Sieg bereits im Hinspiel alles klar machte; die WM-Quali war für Malaysia nach zwei Spielen beendet. Auch die Liga hat im asiatischen Fussball so gut wie keine Bedeutung, verglichen mit Ligen wie Japan, Südkorea oder Saudi-Arabien. Somit hatte ich keine Ahnung was mich erwartet – sowohl spielerisch als auch zuschauermässig. Zuschauerzahlen werden normalerweise in Malaysia nicht veröffentlicht, nur von einzelnen Spielen habe ich diese im Internet gefunden. In diesen Spielen hatte es stets 1000 – 2000 Zuschauer, mit einer Ausnahme: Den Cupfinal 2009 zwischen Selangor und Kelantan besuchten 92’000 Zuschauer. Ich dachte mir, dass das wohl eine Ausnahme war, da der Cup eine grössere Bedeutung hat als die Meisterschaft. Dass das Meisterschaftsspiel der Hinrunde in Kota Bharu mit 30’000 Zuschauern ausverkauft war, erfuhr ich erst im Nachhinein. Ich rechnete mit einer Zuschauerzahl um die 5’000. Normalerweise ist ja rechnen eine meiner grossen Stärken, nicht so dieses Mal…
Das Spiel fand im Rahmen der fünftletzten Meisterschaftsrunde statt und die Tabellensituation versprach enorme Spannung. Selangor, der aktuelle Meister, hatte das vorhergehende Spiel nach einer Serie von 10 Siegen überraschend verloren und der Vorsprung auf das zweitplatzierte Kelantan, welches seinerseits seit 17 Spielen ungeschlagen ist, schrumpfte so auf fünf Punkte. Mit einem Sieg könnte also Kelantan bis auf zwei Punkte aufschliessen und so weiter vom Meistertitel träumen. Es wäre der erste Titel überhaupt für die Mannschaft aus dem Norden des Landes nachdem man im Jahre 2009 sowohl im FA Cup wie auch im Malaysia Cup bis in den Final vorstossen konnte, diesen jedoch beide Male verlor. Selangor seinerseits, mit 53 nationalen Titeln die erfolgreichste Mannschaft Malaysias, hat nebst dem Meistertitel noch ganz andere Pläne. Unter dem Titel „Vision 2015“ hat man das Ziel formuliert, bis zum Jahre 2015 die beste Klubmannschaft Asiens zu sein. Nun ja, dieses Jahr setzte es im AFC-Cup (Pendant zur Europa League) sogar eine Niederlage gegen den Vertreter der Malediven ab. Soviel zum Thema.
Der Spitzenkampf fand im Shah Alam Stadium in Shah Alam statt, einem modernen Stadion in einer Agglomerations-Stadt von Kuala Lumpur. Das Stadion wurde 1994 eröffnet und bietet Platz für knapp 70’000 Zuschauer. Das Fussballfeld wird von einer Leichtathletikanlage umgeben und das Stadion hat somit eine runde Form. Auf den Längsseiten gibt es nebst dem riesigen Unterrang noch einen zweiten kleinen Oberrang, welcher aber heute nicht geöffnet war. 85% der Sitzplätze sind durch zwei riesige Dachbögen, welche das Stadion auf jeder Längsseite überspannen, überdacht. So ergibt dies ein recht interessantes Stadion, abseits von den Mainstream-Stadien, welche wir aus Europa kennen.
Aufgrund des strömenden Regens machte ich mich erst ca. 90 Minuten vor Spielbeginn mit dem Taxi auf den Weg ins 25 Kilometer von Kuala Lumpur entfernte Shah Alam. Dass dieser Weg aufgrund unzähliger Staus mehr als eine Stunde dauerte, konnte ich natürlich nicht wissen und als ich langsam begann, nervös zu werden, kamen wir knappe 20 Minuten vor Spielbeginn beim Stadion an. Das Angebot, mich nach dem Spiel wieder abholen zu dürfen, schlug der Taxifahrer aus; auch er war wohl mit der Länge der Fahrt (wir hatten Fixpreis vereinbart) nicht ganz zufrieden. Beim Stadion angekommen traf ich bereits auf eine riesige Fangruppierung, welche ausserhalb des Stadions vor verschlossenen Toren stand. Bei genauerem Hinsehen merkte ich, dass diese ca. 1000 Leute Gästefans sind. Was ist denn hier los? Ich machte mich auf die Suche nach einer Kasse oder was ähnlichem, ohne fündig zu werden. Es fiel auf, dass alle Leute, die beim Stadion ankamen, schon Tickets besassen. Ich fragte einen Ticket-Kontrolleur am Eingang, wo denn die Kasse sei, worauf er nach kurzem Zögern fragte, wieviele Tickets ich denn brauche. Eine Sekunde später nahm er ein Bündel Tickets aus der Hemdtasche und überreichte mir eines für umgerechnet drei Franken, was erstaunlicherweise dem Originalpreis entsprach. Endlich drin.
Was ich dann sah, war überwältigend, überraschend, sensationell. Der Gästeblock war mit zirka 10’000 Leuten – alle in rot-weissen Trikots – bereits prall gefüllt und auf der Gegengerade machten sich ebenso viele Heimfans in gelb-rot bemerkbar. Auf der „Haupttribüne“, auf der ich mich befand, waren die gemässigteren Heimfans, etwa halb so viele wie auf der Gegenseite. Ich setzte mich hin und staunte und wurde ab und zu von ein paar Einheimischen beim Vorbeigehen begrüsst. Ob die mich noch aus meiner Zeit bei Clean-Sounds kennen oder aber zur Europacup-Teilnahme des FCL gratulieren wollten, kann ich so nicht sagen.
Aufgrund der Bauart des Stadions, resp. der Dachbögen, wird es ziemlich laut, was man auch bald mal hörte. Der Einmarsch der beiden Teams wurde begleitet von frenetischem Jubel und einigen wenigen Knallkörpern. Vor Anpfiff probierte sich eine Reihe Polizisten neben dem Gästeblock zu postieren, diese wurden jedoch mit Flaschen und Büchsen beworfen, so dass sie dieses Vorhaben nicht ganz geplant durchziehen konnten. Die Kelantan-Fans schienen aus irgendwelchen Gründen böse zu sein. Kurz vor Spielbeginn wurden noch die Sektoren hinter dem Tor, zwischen Heim- und Gästefans, geöffnet, so dass die zusätzlichen Kelantan-Fans, welche ich vor dem Stadion gesehen habe, doch noch ein Plätzchen fanden. Weitere zwei- bis dreitausend machten es sich also unter dem gedeckten Teil hinter dem Tor gemütlich und die Situation zwischen Polizei und Gästefans beruhigte sich. Die ausgeschlossenen Fans waren wohl der Grund für die Aggressivität gewesen.
Das Spiel war dann auch ganz interessant. Spielerisch zwar nicht auf Top-Niveau, aber auf dem Platz ging einiges. In den ersten 20 Minuten musste bereits dreimal die Bahre zum Einsatz kommen, da die Spieler ziemlich aggressiv zu Werke gingen. Die besseren Chancen hatte ganz klar das Heimteam, doch deren Stürmer hatte wohl die Kontaktlinsen verkehrt rum eingesetzt. Meine Güte, wo der hinschoss, als er alleine aufs Tor zog. Kelantan hatte überhaupt nichts zu melden und war mehrheitlich durch am Boden wälzende Spieler und Reklamieren aufgefallen. Die Stimmung war dann auch nicht durchgehend so toll wie zu Beginn, doch wenn ein Fehlpass geschlagen oder eine Chance vergeben wurde, wurde der Spieler von den gegnerischen Fans jeweils lautstark verhöhnt. Zur Pause konnte Kelantan froh sein, dass sie nicht mit drei oder mehr Toren im Rückstand lagen. Der Sieg lag immer noch in Reichweite.
Die zweite Halbzeit begann nicht sehr vielversprechend und die Stimmung wurde nicht besser; das Niveau auf dem Spielfeld war einfach zu schwach. Das änderte sich schlagartig, als Selangor in der 60. Minute durch ein Traumtor (Volley-Abnahme aus 16 Metern) von Mohd Amirul Hadi Zainal (wer kennt ihn nicht?) in Führung ging. Ohrenbetäubender Lärm und ein unbeschreiblicher Torjubel. Völlig überraschend genau das selbe Szenario nur fünf Minuten später auf der Gegenseite. Kelantan hatte durch einen Kopfball von Indra Putra Bin Mahayuddin ausgeglichen. Jetzt war die Stimmung da und das Spiel so richtig lanciert. Mehrere Male hörte man Knallkörper und jetzt passierte auch das, was ich eigentlich schon lange erwartet hatte. Da durch das Öffnen des Sektors hinter dem Tor keine Pufferzone mehr bestand, gerieten ein paar Fans der beiden Manschaften aneinander. Die Polizei hatte das ganze jedoch schnell wieder im Griff. Im Spiel gab es In den letzten 25 Minuten Chancen hüben wie drüben und jede Mannschaft hätte mehrere Male den Siegestreffer erzielen können. Es blieb beim 1:1, für Selangor natürlich ein Top-Resultat. Wenn nicht noch ein Wunder passiert, darf Selangor schon mal den Rimuss kalt stellen für die zweite Meisterfeier in Folge.
Nach dem Spiel strömten die Fans sofort aus dem Stadion auf den riesigen Parkplatz. Auch ich bahnte mir den Weg über niedergedrückte Stacheldrähte, versumpfte Wiesen und einen Wassergraben. Jetzt begann die schwierige Suche nach einem Taxi. Nach einer Weile brach ich den Versuch ab und fragte im Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite nach, ob man mir ein Taxi rufen könne. Er meinte nur, dass es jetzt schon elf Uhr sei und dass das zu spät sei, um ein Taxi zu rufen. Leider erblickte ich auch kein Hotel oder Gasthaus in der Nähe. So blieb mir nichts anderes übrig, als der Hauptstrasse entlang in Richtung Stadtzentrum von Shah Alam zu marschieren. Geschätzte 20 Sekunden später erblickte ich ein Taxi, aus welchem soeben drei Leute ausgestiegen sind. Mein hartes Sprint-Training zahlte sich aus, und ich erreichte das Taxi noch rechtzeitig. Die Frau wollte das Vierfache des normalen Fahrpreises. Ich konnte sie auf das Dreifache runterhandeln, doch mehr ging nicht; sie wusste wohl, dass ich keine grosse Wahl hatte. Aber in dem Preis war einiges inbegriffen. Die ca. 100minütige Fahrt (ja, noch mehr Stau als bei der Hinfahrt), welche ich doch so gerne für ein kleines Nickerchen genutzt hätte, verkam zum Monolog einer alten Chinesin, von der ich nun die ganze Familiengeschichte (inkl. den detaillierten Umständen des Todes ihrer Mutter und dem ihrer Schwester) kenne. Zudem wetterte die Frau, welche behauptet die einzige weibliche Taxifahrerin in Malaysia und darum landesweit bekannt zu sein (stimmt natürlich nicht!), unentwegt über die Moslems und was für schlechte Menschen die doch seien. Hass pur und Stories um ein ganzes Buch zu füllen. Wie froh ich doch war, als ich gegen ein Uhr morgens endlich, endlich wieder in meinem Hotel ankam. Ich durfte noch die Nummer der Frau speichern, denn sie wollte dass ich sie einen Tag als Fahrerin miete, damit sie mir die Umgebung von Kuala Lumpur zeigen kann. Ich rief nie an…








