Fotos Nordamerika, Part II
28 03 2010Kategorien : Reiseberichte
Nach der Zwischen-Übernachtung in Barstow ging die Fahrt am nächsten Morgen weiter durch die Mojave-Wüste in Richtung Nevada. Das Ziel hiess natürlich Las Vegas. Im Hotel eingecheckt (Zimmer Nr. 31191, wo gibt’s das sonst?) probierte ich sogleich im Hotelcasino mein Glück. Nach wenigen Minuten explodierte der Kasten vor mir fast und jackpotmässig hatte ich soeben über $200 gewonnen. Aufgrund des Gewinnes konnte ich es mir dann auch leisten, für $60 an einem Pokerturnier teilzunehmen. Überraschenderweise erreichte ich den zweiten Platz unter den 10 Teilnehmern, was mir einen weiteren Gewinn im dreistelligen Bereich einbrachte. Somit verliess ich Las Vegas am nächsten Tag, völlig unerwartet, als Gewinner.
Nach dem lohnenden Abstecher ging es zurück nach Kalifornien. Mein nächstes Ziel war Los Angeles. Das Hotel wurde in Hollywood bezogen, schliesslich wollte man nahe bei den Stars und Sternchen sein (ehrlicher Grund: Die Strassen nach Downtown waren völlig verstopft). Am Abend noch schnell den Walk of Fame gecheckt (nein, nicht die ganzen 5.5 Kilometer), um festzustellen, dass man mindestens 2/3 der Namen nicht kennt. Aber hey, Mickey Mouse und Donald Duck waren mir immerhin ein Begriff.
Am folgenden Tag kam dann mein peinliches Ich zum Vorschein und ich wandelte mich für einen halben Tag zu einem Art Pressefotografen (die machen auch nur ihren Job). Ausgestattet mit einem Adressverzeichnis der Stars, machte ich mich auf in Richtung Beverly Hills, dem Ort, wo die meisten Promis im Raum Los Angeles ihren Wohnsitz haben. Irgendwie doch noch interessant zu sehen, wie und in welcher Umgebung die Damen und Herren Aguilera, Aniston, Beckham, Cruise, Jackson, John, Lohan, Lopez, Sampras, Stallone, Stone, West (und so weiter) wohnen/gewohnt haben.
Auch Downtown Los Angeles wurde ein Besuch abgestattet, wobei diese Stadt meiner Ansicht nach bei weitem nicht so interessant ist wie San Francisco. So entschied ich mich, für den Rest meines Aufenthaltes in Hollywood zu bleiben, wo es doch einiges gemütlicher war, auch wenn die ganze Umgebung schon sehr touristisch anmutet.
Gestern (Montag) wurde dann an den Stränden rund um L.A. bei Temperaturen von 25 Grad und mehr die Beachsaison eröffnet. So verbrachte ich einige Stunden am Strand in Malibu und war doch ein bisschen enttäuscht, dass die Baywatch-Leute nicht am arbeiten waren. Alles nur Fake. Tss. Aus Trotz ging ich halt nicht baden.
Am Abend ging es dann weiter Richtung San Diego, wo am Mittwoch Morgen mein Flug nach Hause starten wird. Aufgrund einiger Zwischenstopps an verschiedenen Beaches von denen es hier wie Sand am Meer gibt (höhö), kam ich aber nur bis nach Huntington Beach, einem traumhaften Ferienort, ca. 80 Kilometer südlich von Los Angeles. Breite Sandstrände, schöne Wohnlagen. Doch, hier liesse es sich wohl gut leben. Für mich blieb leider nur eine Nacht in der Stadt, die sich selber „Surf City USA“ nennt und oftmals auch als „Surfing Capital of the World“ beschrieben wird. So schade, dass ich mein Brett nicht dabei hatte. So wurde nichts mit Surfen und ich musste mir für meinen letzten Tag eine alternative Beschäftigung suchen. Genau: Wo Surfer sind, sind die Surfshops nicht weit. Es war ein Paradies. Dies führt dazu, dass ich, wieder einmal, mit einem zusätzlichen Gepäckstück heimreisen werde (und das nachdem ich bis zum letzten Tag allen Versuchungen widerstehen konnte – damn!).
Nach dem morgendlichen Shopping-Plausch wurden dann noch die letzten 150 Küstenkilometer bis nach San Diego zurückgelegt, wo ich die letzte Nacht verbringen werde. Morgen früh geht es via Chicago und London nach Zürich. Geplante Ankunft: Donnerstag Nachmittag.
Irgendwie schade, dass ich Kalifornien genau jetzt, wo es so schön sommerlich wird, verlassen muss. Aber es gibt ja noch andere Orte auf der Welt, wo es momentan warm (sagen wir so um die 31 Grad aktuell) ist. Und das im Herbst…
Irgendwer hat irgendwo in den Weiten des Internets mal die höchst philosophische Frage gestellt, woran man denn erkenne, ob man selbst klüger sei als jemand anderes. Falls ich mich recht erinnere, hat man sich schlussendlich darauf geeinigt, dass der Term „Klugheit“ eine höchst subjektive Ansicht ist. Finde ich auch. Trotzdem durfte ich am Dienstag wieder mal feststellen, dass ich manchmal eben doch ein bisschen klüger bin als der Durchschnittstourist.
Diesen Dienstag startete ich in einem „Kaff“ namens Oakdale, welches sich selbst die Cowboy-Hauptstadt der Welt nennt, was ich recht amüsant finde. Als ich am Montag Abend allerdings mein Abendessen im dortigen China-Restaurant einnahm, sassen doch tatsächlich Typen in Cowboy-Montur am Tisch, inkl. Cowboyhut. Ob sie die Chäpslipistole dabei hatten weiss ich nicht, aber ich musste mich auch so beherrschen, nicht in Gelächter auszubrechen. Nein, ich getraute mich nicht, Fotos zu machen. Passend dazu hatte ich am selben Morgen Old Sacramento besucht. Dieser Stadtteil der Landeshauptstadt Kaliforniens, welche ausser einem Fluss und dem Regierungssitz nicht allzu viel zu bieten hatte, besteht aus lauter originalen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert und ist die einzige originale „Westernstadt“ dieser Grösse in den ganzen USA. Dort hätten die Cowboys vielleicht hingepasst, aber in ein China-Restaurant? Naja…
Nun aber zurück zum eigentlichen Thema, meinem klugen Dienstag. Ich machte mich bereits morgens kurz nach 7 auf den Weg in Richtung Yosemite National Park, von dem ich lediglich wusste, dass er einer der grössten, bekanntesten und meistbesuchten Nationalparks der USA ist; sowie, dass er rund 2 Stunden von meinem Ausgangsort Oakdale entfernt liegt. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt näherte ich mich langsam den Bergen, was mich darauf schliessen liess, dass der Nationalpark leicht erhöht liegt. Umso mehr ging ich davon aus, als mir ein Schild weismachen wollte, dass rund 20 Meilen vor dem Nationalpark eine Schneekettenkontrolle stattfinden würde (no joke!), obwohl von Schnee weit und breit nix zu sehen war. Hallo, wir sind in Kalifornien!?! Kurze Zeit später folgten dann auch die Schilder an den unzähligen Tankstellen, dass es hier Schneeketten zu kaufen gäbe („tire chains sold here!“). Genau in diesem Moment machte es „klick“ und mir war klar, dass hier wieder mal ne typische Touristenfalle vorliegt. Ich mochte es, während meines Einkaufs zu beobachten, wie bedepperte Touris überteuerte Schneeketten kauften, weil sie eine Kontrolle erwarteten. Herrlich.
Der Ort, wo dann die Kontrolle stattfinden sollte, wurde natürlich einfach so passiert und die Fahrt durch wunderschöne Landschaft konnte weitergehen. Die Höhenangaben an den Strassenrändern verrieten mir, dass wir die 4000 ft (ca. 1200 m)-Marke erreicht haben und wenig später war die Strasse tatsächlich schneebedeckt. Dies führte dazu, dass ich auf 1500 Metern, kurz vor dem Eingang des Parkes, eine Pause einlegen musste, um abzuchecken, ob eine Weiterfahrt überhaupt möglich ist. Da ich nun bereits mehr als 2 Stunden gefahren und die Einfahrt zum Park nur noch ca. 5 Minuten entfernt war, stellte sich diese Frage nur kurz, wozu gibt es schliesslich Winterreifen.
Wenig später war ich auch schon beim Eingang und bezahlte der netten Dame am Eingang die 30$ Eintrittsgebühr, als sie mir noch ein „could you please put your tire chains on“ mit auf den Weg gab. Mein verwirrter Blick verriet wohl zu viel, denn ohne zu zögern folgte ein: „Do you carry tire chains with you, Sir?“. Fünf Sekunden später hatte ich meine 30 Dollar wieder und befand mich auf dem Rückweg. Wie gesagt: Klugheit ist subjektiv. Aber auch der Philipp lernt immer gerne dazu.
Nach 2 Stunden hatte ich das Tal wieder erreicht. Dort erfuhr ich von Einheimischen, dass es über Nacht einen Schneesturm gegeben habe und darum die Zufahrt zum Park erschwert sei. Also kaufte ich mir ein Ticket für den Bus (mit Schneeketten), welcher mich in 90 Minuten wieder in den Nationalpark brachte. So konnte ich dieses Erlebnis mit vier Stunden Verspätung doch noch geniessen. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, es war traumhaft.
Am nächsten Tag stand dann mit dem Kings Canyon National Park der nächste Nationalpark auf dem Programm. Dieses Mal war ich auf eventuelle Planänderungen gefasst und tatsächlich, ab 1500 Metern fing es heftigst an zu schneien, so dass ich freiwillig umkehrte. Ich frage mich nur, ob die für diesen Schneefall Verantwortlichen eigentlich wissen, dass wir uns hier auf dem Breitengrad von Nordafrika befinden.
So wurde der heutige Mittwoch mehrheitlich im Auto verbracht, welches mich in mehr als 7 Stunden Fahrt bis nach Barstow, eine Stadt im Niemandsland, brachte. Von hier aus werde ich morgen einen kleinen Abstecher nach Nevada machen. Huh, spannend, wohin geht’s wohl?
Geplant ist aus Zeitgründen nur eine Nacht. Finanziell gesehen wohl auch die bestmögliche Entscheidung. Ich hoffe trotzdem, dass ich im nächsten Bericht nur positives (inkl. positiver Zahlen) berichten kann.
Gemäss eines kürzlich erschienen Artikels des US-Wirtschaftsmagazins Forbes (ja, die machen auch Städte-Rankings) gehört San Francisco zu den zehn schönsten Städten der Welt – ok, Cambridge ist auch aufgelistet, was solls. So waren denn auch die Erwartungen an die Stadt gross und ich buchte gleich vier Nächte, damit auch sicher genügend Zeit bleibt, um alles wichtige und unwichtige zu erkunden.
Gleich nach dem Check-in im Hostel ging es Richtung Stadtzentrum, wo die ersten Cable Cars gesichtet wurden. Eine Fahrt mit der berühmtesten Strassenbahn der Welt konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und so fuhr ich als erstes gleich einmal durch die ganze Stadt und zurück – was im Falle von San Francisco aufgrund der extremen Strassensteigungen fast mit einer Achterbahnfahrt zu vergleichen ist. Bereits da wurde sichtbar, dass San Francisco alles andere als eine gewöhnliche Grossstadt ist. Abgesehen von der Umgebung des verhältnismässig kleinen „Financial District“ sind, auch aufgrund topographischer Begebenheiten, kaum Hochhäuser sichtbar, dafür umso mehr kleine, charmante Bauten, welche ein eindrückliches Gesamtbild ergeben.
Begeistert von den ersten Eindrücken folgte am nächsten Tag eine Sightseeing-Tour per Touristenbus, damit man auch ein wenig die Hintergründe der verschiedenen Stadtteile und Gebäude erklärt bekommt. Diese Tour führte u.a. über die Golden Gate Bridge, womit nach der berühmtesten Strassenbahn der Welt auch die bekannteste Brücke der Welt besichtigt wurde. Typischer Touri halt. Am Nachmittag ging es weiter nach San Jose, per Bahn rund eine Stunde von San Francisco entfernt. San Jose ist mit 1 Mio Einwohnern nach Los Angeles die zweitmeist bevölkerte Stadt in Kalifornien (Nr. 10 der USA). “Zufällig” fand dort auch noch ein NHL-Spiel der San Jose Sharks statt und somit war die Frage der Abendunterhaltung auch geklärt.
Am 3. und 4. Tag war dann Chillen (neudeutsch für Entspannen, hat nichts mit Kirche zu tun) in San Francisco angesagt. Die Stadt hat viele Grünflächen und der Golden Gate Park (5 Kilometer lang, ca. 800 Meter breit und 10-15 Millionen Besucher jährlich) ist einer der grössten Stadtparks der Welt, grösser als der berühmte Central Park in New York. Auch ausserhalb dieses Parks gibt es unzählige schöne Plätze zum Nichtstun, das Wetter war traumhaft und an gewissen Orten fühlte man sich in die Zeit zurückversetzt als die ganze Hippie-Bewegung von San Francisco aus ihren Lauf nahm. Traumhaft.
Erwähnenswert sind auch die „ausländischen“ Stadtteile Little Italy – Cappuccino und dazu ein Tomaten-Mozzarrella-Panini (angereichert mit Salami), was gibt es besseres – Little Vietnam und Chinatown. Die Chinatown in San Francisco ist das älteste Chinesenviertel der USA und mit einer Einwohnerzahl von heute über 100’000 eine der grössten chinesichen Gemeinden ausserhalb Chinas. Von den 800’000 Einwohnern San Franciscos sind knapp ein Drittel asiatischer Abstimmung, ca. 70% davon aus China. Wieso noch nach China gehen, wenn doch San Francisco so nahe liegt? Na, ok, also nicht ganz.
Am Sonntag Morgen klingelte dann Punkt 6.45 Uhr der Wecker, damit während des Frühstücks auch gleich der Live-Ticker des FCL-Matches in Zürich mitverfolgt werden konnte. Oder umgekehrt. Um 9 Uhr durfte ich mein Mietauto in Empfang nehmen, mit welchem ich in den nächsten 10 Tagen Kalifornien befahren werde.
Zuerst wurde aber noch eine letzte Rundtour durch San Francisco gemacht. Als erstes wurde dabei die Lombard Street angesteuert, die angeblich kurvenreichste Strasse der Welt. Der besagte Abschnitt der Strasse ist keine 150 Meter lang und besteht trotzdem aus acht Kurven, das ganze bei einem Gefälle von 27%. Lustig, da mal hinunterzufahren. Noch viel amüsanter ist es, dabei von Hunderten von Touristen fotografiert zu werden. Diese Strasse ist DER Anziehungspunkt der Stadt und soll gemäss meinen Reiseguides nach der Golden Gate Bridge das zweitmeist fotografierte „Objekt“ der ganzen Stadt sein (what about Alcatraz, meine Herren?). Als letztes wurde noch der Coit Tower – angeblich nach einem niederländischen Fussballer benannt – besucht, ein Aussichtsturm, welcher auf einem Hügel erbaut wurde, so dass man einen fantastischen Rundblick über ganz San Francisco geniessen kann. So konnte man die in den letzten vier Tagen besuchten Orte nochmals aus der Vogelperspektive betrachten.
Fazit: Ich bin überwältigt von dieser Stadt und es hätte sicher noch einiges mehr zu sehen gegeben, aber man soll’s ja nicht übertreiben mit den Eindrücken und Ferien sind ja schliesslich auch zum Entspannen da. Dann geh‘ ich lieber noch ein zweites Mal hin. Mit Sicherheit.
Fazit 2: Die Forbes-Leute haben recht.
Das war’s von San Francisco. Kalifornien hat schliesslich noch einiges mehr zu bieten und so geht es als nächstes in die Landeshauptstadt von Kalifornien, nach Sacramento, von wo aus ein Ex-Bodybuilder/Schauspieler/wasauchimmernator diesen Bundesstaat regiert.
Seattle ist ja nun nicht unbedingt eine Stadt, die man als absolutes Must-See in einem USA-Reiseführer vorfinden wird. An touristischen Höhepunkten hat die Metropole im Nordwesten der Vereinigten Staaten nicht viel zu bieten (Ausnahme: Space Needle) und so könnte man sagen, dass es eine überaus durchschnittliche Stadt ist, wäre da nicht die geniale Lage. Westlich liegt ein Meeresarm des Pazifiks und dahinter die Olympic Mountains und östlich wird die Stadt vom Lake Washington begrenzt. Somit liegt Seattle quasi auf einer Insel, welche zudem noch überaus grün ist und man hat rundum gute Aussicht. Doch auch diese Aussicht hat man irgendwann gesehen und somit habe ich meine restliche Zeit vor allem mit Musik hören und Kaffee trinken verbracht.
Mit diesen beiden „Aktivitäten“ lag ich in Seattle sicherlich nicht falsch. Musikalisch hat Seattle nämlich einige Grössen hervorgebracht. Der Gitarrengott Jimi Hendrix ist hier geboren, die ganze Grunge-Szene rund um Nirvana und Pearl Jam hatte ebenfalls hier ihren Ursprung und als „The Genius“ Ray Charles Robinson mit seinen jungen 17 Jahren aus Tampa/Florida wegzog, um in eine grössere Stadt umzuziehen, waren ihm Chicago und New York zu gross und er entschied sich für Seattle, von wo aus ihm sein Durchbruch gelang. Was man auf Reisen nicht alles lernt.
Den Durchbruch geschafft hat wohl auch ein Unternehmen, welches es erfolgreich fertig bringt, den Leuten auf der ganzen Welt Kaffee zu astronomischen Preisen zu verkaufen und damit einen Jahresumsatz von ca. 10 Milliarden US-Dollar erzielt. Diese Kaffeehaus-Kette mit dem grünen Logo, welche sogar im kleinen Luzern in der Schweiz bereits drei Filialen betreibt, hat ihren Ursprung ebenfalls in Seattle. Mit einem kleinen, heute noch existierenden, Laden (wurde natürlich fotografiert!) fing hier vor 39 Jahren alles an. Inzwischen gibt es in der Stadt über 130 (!) Filialen und somit ist es ein leichtes, guten Kaffee zu finden; übrigens nur halb so teuer wie in der Schweiz.
Nachdem ich also nun drei Tage Zeit hatte, mich vom Rummel in Vancouver zu erholen, ging es heute per kurzfristig gebuchtem Flug weiter nach Kalifornien, den mit Abstand bevölkerungsreichsten Staat der USA (37 Mio. Einwohner). Mein erstes Ziel ist San Francisco, das „Paris des Westens“ (wer erfindet eigentlich jeweils diese lustigen Übernamen?), wo ich voraussichtlich die nächsten vier Tage bleiben werde. Nachher geht es dann wohl per Mietauto weiter kreuz und quer durch Kalifornien bis nach San Diego, von wo aus ich in zwei Wochen bereits wieder meinen Heimflug starten werde. Aber zuerst mal schauen, was Paris hier im Westen so zu bieten hat. ¡Hasta la próxima!
Normalerweise ist mit diesen Worten nicht zu spassen. Wenn das ganze in einem fremden Land passiert, und die Drohung von einem Typen stammt, der ca. doppelt so gross und viermal so schwer ist wie man selbst, schon gar nicht. Sofern es sich aber um einen Schwarzmarkthändler handelt, der einem aufgrund Erpressung mit Polizei droht, darf man durchaus auch mal lachen. So geschehen diesen Donnerstag vor dem Vancouver Olympic Centre, in welchem an diesem Tag die Schweizer Curler ihren Halbfinal spielten. Sekunden nach dieser Drohung wechselten des Händlers $108-Ticket und mein $20-Schein den Besitzer. Geht doch. Somit wäre bereits die Frage geklärt, ob ich auch einen Olympia-Event besucht habe. Ich war beim Curling. Kanadier lieben Curling. Zur selben Zeit fand auch der Halbfinal der Kanadier statt und die Halle stand Kopf. Für die Schweizer interessierte sich eigentlich niemand, auch ich nicht wirklich. Immerhin sass genau hinter mir ein Schweizer Nachwuchs-Curler, welcher seiner Mutter jeweils erklärte, was jetzt zu tun ist; so konnte ich trotz der fehlenden Kommentare des Curling-Experten schlechthin, Beni Thurnherr, nachvollziehen, was auf dem Eis vor sich geht. Fazit: Zum Glück war kiwi-jo nicht hier, ansonsten hätten wäre die Halle wohl nach 30 Minuten wieder verlassen.
Curling war aber nicht der erste Sport, welchen ich mir während dieser Olympischen Spiele live vor Ort ansah. Angefangen hat alles am Dienstag, einen Tag nachdem ich in Seattle gelandet bin. Aufgrund der schöneren Strecke entschied ich mich ziemlich spontan dazu anstatt mit dem Bus mit dem Zug nach Kanada zu reisen. Dies hatte, trotz der mit vier Stunden vergleichsweise langen Reisezeit, den Vorteil, dass ich bereits um halb 12 in Vancouver ankommen sollte anstatt erst nachmittags. Mit ein wenig Verspätung erreichten wir nach einer kurzweiligen Zugfahrt (wer sagt denn, man könne mit Amerikanern nicht über Politik diskutieren?!) Vancouver und die ersten Pechvögel waren schnell ausgemacht. Drei Girls im Zug, welche Tickets für das Eishockey-Spiel Schweiz-Weissrussland hatten, welches aber leider bei Ankunft schon voll im Gange war (tja, immer diese Verspätungen). Ob sie wenigstens noch ein Drittel gesehen haben, ist nicht bekannt. Ich begab mich in die erstbeste Bar, um dort erst Carlo Jankas Goldmedaille und dann den Viertelfinal-Einzug der Schweizer Eishockey-Männer-Nationalmannschaft zu feiern. Später spielte auch Kanada und mir wurde langsam klar was Eishockey für dieses Volk hier bedeutet. Wenn man nicht mindestens eine Stunde vor Spielbeginn seinen Platz in einer der zahlreichen Bars gesichert hatte, wurde es schwierig, noch irgendwo reinzukommen. Getragen von der Euphorie besuchte ich bereits am selben Abend das Eishockey-Spiel zwischen der Slowakei und Norwegen. Die Ticket-Mafia – die Leute sehen überall auf der Welt wirklich gleich aus – erkannte man bereits aus 200 Metern Abstand und aufgrund der massenhaft vorhandenen Tickets war es, ganz im Sinne meiner alten Schwarzmarkt-Weisheit „zahle nie zuviel, rein kommst du immer“, ein leichtes, ein Ticket zu ergattern. Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon Tickets für den Viertelfinal Schweiz-USA im Umlauf, unter $400 pro Ticket ging jedoch nichts. Angesichts dessen, dass Angebot und Nachfrage hier in einem immensen Angebotsüberhang ausarteten, ein Witz, auch wenn die Tickets im Original bereits bis zu $300 kosteten.
Erwartungsgemäss bewegten sich die Ticketpreise am nächsten Tag von Minute zu Minute Richtung Süden, je näher das Spiel kam. Dieses – nicht überraschende – Phänomen war auch bei allen anderen Hockey-Spielen ohne kanadische Beteiligung, sowie bei jeglichen anderen Events (siehe Curling oben), festzustellen. So konnte ich nebst dem Viertelfinal USA-Schweiz auch noch den Viertelfinal Finnland-Tschechien sowie den kleinen Final der Frauen zwischen Finnland und Schweden, für welchen Original-Tickets über $200 kosteten – ja, $200 für Frauen-Hockey – besuchen. Dieses Spiel war das perfekte, um die Grenzen des Marktes auszuloten. Alleine der Gesichtsausdruck dieses Bastards, als ich ihm mein Münz für sein $210-Ticket in die Hand drückte, war jeden einzelnen der vierzehn Dollar wert.
Nach den vier Hockey-Spielen und dem Curling-Tag wäre Freitag nachmittags eigentlich Sightseeing vorgesehen gewesen. Wie bereits die ganze Woche regnete es jedoch auch an diesem Tag ununterbrochen und so verbrachte ich mehr oder weniger den ganzen Tag vor dem TV in meiner Stammkneipe (ist das eigentlich schlimm, wenn man nach vier Tagen bereits „Stammkneipe“ schreibt?). Nachdem Kanada am Abend den Einzug in den Hockey-Final geschafft hatte, war dann in der Stadt erneut die Hölle los. Vergleichbar wohl, wenn man in Rom wäre und Italien soeben Fussball-Weltmeister wird. Nur mit den beiden Unterschieden, dass das zweite in den nächsten zweihundert Jahren mit Sicherheit nie geschehen wird und dass das Gehupe im Falle von Vancouver die ganze Nacht andauerte. Eigentlich war das ganze wie Fasnacht (Motto: Kanada), nur viel schlimmer. Aufgrund dieser Feierlichkeiten und meines angeschlagenen Gesundheitszustandes in Kombination mit dem beschissenen Wetter (viele Gründe, ich weiss) fiel die Reise ins 2 1/2 Stunden entfernte Whistler zum Herren-Slalom der Alpinen am nächsten Morgen aus. Das Rennen wurde wie üblich in der Bar verfolgt und am Nachmittag gings zum Shoppen.
Vor dem Abschied aus Kanada hatte ich dann noch eine schwierige Entscheidung zu treffen. Wann soll ich Vancouver am Sonntag verlassen? Morgens um sechs und den Final des Jahrhunderts Kanada-USA in den USA verfolgen oder erst zwei Stunden nach dem Final, um wenigstens noch ein wenig von dem riesigen Volksfest mitzubekommen? Die Variante Finalbesuch im Stadion stand erst auch noch zur Auswahl, wurde aber nach langem Überlegen aus budgettechnischen Gründen (Ticketpreise bis zu $20’000 pro Ticket) nicht in Betracht gezogen. Schlussendlich war es also wie so oft ein Herz-gegen-Verstand-Entscheid und komischerweise gewann dieses Mal der Verstand. So bin ich heute morgen um sechs in den Zug gestiegen und befinde mich nun auf dem Weg zurück nach Seattle. Der Final beginnt eine Stunde nach geplanter Ankunft, ich hoffe die Verspätung hält sich dieses Mal in Grenzen und falls nicht, will ich zumindest die Overtime sehen, in welcher Kanada der entscheidende Treffer gelingen wird.