I’ll call the police!

1 03 2010

Normalerweise ist mit diesen Worten nicht zu spassen. Wenn das ganze in einem fremden Land passiert, und die Drohung von einem Typen stammt, der ca. doppelt so gross und viermal so schwer ist wie man selbst, schon gar nicht. Sofern es sich aber um einen Schwarzmarkthändler handelt, der einem aufgrund Erpressung mit Polizei droht, darf man durchaus auch mal lachen. So geschehen diesen Donnerstag vor dem Vancouver Olympic Centre, in welchem an diesem Tag die Schweizer Curler ihren Halbfinal spielten. Sekunden nach dieser Drohung wechselten des Händlers $108-Ticket und mein $20-Schein den Besitzer. Geht doch. Somit wäre bereits die Frage geklärt, ob ich auch einen Olympia-Event besucht habe. Ich war beim Curling. Kanadier lieben Curling. Zur selben Zeit fand auch der Halbfinal der Kanadier statt und die Halle stand Kopf. Für die Schweizer interessierte sich eigentlich niemand, auch ich nicht wirklich. Immerhin sass genau hinter mir ein Schweizer Nachwuchs-Curler, welcher seiner Mutter jeweils erklärte, was jetzt zu tun ist; so konnte ich trotz der fehlenden Kommentare des Curling-Experten schlechthin, Beni Thurnherr, nachvollziehen, was auf dem Eis vor sich geht. Fazit: Zum Glück war kiwi-jo nicht hier, ansonsten hätten wäre die Halle wohl nach 30 Minuten wieder verlassen.

Curling war aber nicht der erste Sport, welchen ich mir während dieser Olympischen Spiele live vor Ort ansah. Angefangen hat alles am Dienstag, einen Tag nachdem ich in Seattle gelandet bin. Aufgrund der schöneren Strecke entschied ich mich ziemlich spontan dazu anstatt mit dem Bus mit dem Zug nach Kanada zu reisen. Dies hatte, trotz der mit vier Stunden vergleichsweise langen Reisezeit, den Vorteil, dass ich bereits um halb 12 in Vancouver ankommen sollte anstatt erst nachmittags. Mit ein wenig Verspätung erreichten wir nach einer kurzweiligen Zugfahrt (wer sagt denn, man könne mit Amerikanern nicht über Politik diskutieren?!) Vancouver und die ersten Pechvögel waren schnell ausgemacht. Drei Girls im Zug, welche Tickets für das Eishockey-Spiel Schweiz-Weissrussland hatten, welches aber leider bei Ankunft schon voll im Gange war (tja, immer diese Verspätungen). Ob sie wenigstens noch ein Drittel gesehen haben, ist nicht bekannt. Ich begab mich in die erstbeste Bar, um dort erst Carlo Jankas Goldmedaille und dann den Viertelfinal-Einzug der Schweizer Eishockey-Männer-Nationalmannschaft zu feiern. Später spielte auch Kanada und mir wurde langsam klar was Eishockey für dieses Volk hier bedeutet. Wenn man nicht mindestens eine Stunde vor Spielbeginn seinen Platz in einer der zahlreichen Bars gesichert hatte, wurde es schwierig, noch irgendwo reinzukommen. Getragen von der Euphorie besuchte ich bereits am selben Abend das Eishockey-Spiel zwischen der Slowakei und Norwegen. Die Ticket-Mafia – die Leute sehen überall auf der Welt wirklich gleich aus – erkannte man bereits aus 200 Metern Abstand und aufgrund der massenhaft vorhandenen Tickets war es, ganz im Sinne meiner alten Schwarzmarkt-Weisheit „zahle nie zuviel, rein kommst du immer“, ein leichtes, ein Ticket zu ergattern. Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon Tickets für den Viertelfinal Schweiz-USA im Umlauf, unter $400 pro Ticket ging jedoch nichts. Angesichts dessen, dass Angebot und Nachfrage hier in einem immensen Angebotsüberhang ausarteten, ein Witz, auch wenn die Tickets im Original bereits bis zu $300 kosteten.

Erwartungsgemäss bewegten sich die Ticketpreise am nächsten Tag von Minute zu Minute Richtung Süden, je näher das Spiel kam. Dieses – nicht überraschende – Phänomen war auch bei allen anderen Hockey-Spielen ohne kanadische Beteiligung, sowie bei jeglichen anderen Events (siehe Curling oben), festzustellen. So konnte ich nebst dem Viertelfinal USA-Schweiz auch noch den Viertelfinal Finnland-Tschechien sowie den kleinen Final der Frauen zwischen Finnland und Schweden, für welchen Original-Tickets über $200 kosteten – ja, $200 für Frauen-Hockey – besuchen. Dieses Spiel war das perfekte, um die Grenzen des Marktes auszuloten. Alleine der Gesichtsausdruck dieses Bastards, als ich ihm mein Münz für sein $210-Ticket in die Hand drückte, war jeden einzelnen der vierzehn Dollar wert.

Nach den vier Hockey-Spielen und dem Curling-Tag wäre Freitag nachmittags eigentlich Sightseeing vorgesehen gewesen. Wie bereits die ganze Woche regnete es jedoch auch an diesem Tag ununterbrochen und so verbrachte ich mehr oder weniger den ganzen Tag vor dem TV in meiner Stammkneipe (ist das eigentlich schlimm, wenn man nach vier Tagen bereits „Stammkneipe“ schreibt?). Nachdem Kanada am Abend den Einzug in den Hockey-Final geschafft hatte, war dann in der Stadt erneut die Hölle los. Vergleichbar wohl, wenn man in Rom wäre und Italien soeben Fussball-Weltmeister wird. Nur mit den beiden Unterschieden, dass das zweite in den nächsten zweihundert Jahren mit Sicherheit nie geschehen wird und dass das Gehupe im Falle von Vancouver die ganze Nacht andauerte. Eigentlich war das ganze wie Fasnacht (Motto: Kanada), nur viel schlimmer. Aufgrund dieser Feierlichkeiten und meines angeschlagenen Gesundheitszustandes in Kombination mit dem beschissenen Wetter (viele Gründe, ich weiss) fiel die Reise ins 2 1/2 Stunden entfernte Whistler zum Herren-Slalom der Alpinen am nächsten Morgen aus. Das Rennen wurde wie üblich in der Bar verfolgt und am Nachmittag gings zum Shoppen.

Vor dem Abschied aus Kanada hatte ich dann noch eine schwierige Entscheidung zu treffen. Wann soll ich Vancouver am Sonntag verlassen? Morgens um sechs und den Final des Jahrhunderts Kanada-USA in den USA verfolgen oder erst zwei Stunden nach dem Final, um wenigstens noch ein wenig von dem riesigen Volksfest mitzubekommen? Die Variante Finalbesuch im Stadion stand erst auch noch zur Auswahl, wurde aber nach langem Überlegen aus budgettechnischen Gründen (Ticketpreise bis zu $20’000 pro Ticket) nicht in Betracht gezogen. Schlussendlich war es also wie so oft ein Herz-gegen-Verstand-Entscheid und komischerweise gewann dieses Mal der Verstand. So bin ich heute morgen um sechs in den Zug gestiegen und befinde mich nun auf dem Weg zurück nach Seattle. Der Final beginnt eine Stunde nach geplanter Ankunft, ich hoffe die Verspätung hält sich dieses Mal in Grenzen und falls nicht, will ich zumindest die Overtime sehen, in welcher Kanada der entscheidende Treffer gelingen wird.