Spontaneität
27 04 2010Wenn man eine Reise plant, gibt es grundsätzlich zwei extreme Arten der Planung. Die einen machen eine Weltreise und wissen bereits drei Monate im Voraus an welchem Tag sie in welcher Stadt in welchem Hotel sein werden und dann gibt es noch die anderen, die wissen nicht mal, wo sie am nächsten Tag sein werden. Seit jeher gehöre ich zur zweiten Sorte, ab und an wird die erste Sorte sogar ein wenig belächelt. Spontaneität heisst das Zauberwort – ein unglaubliches schönes Wort, nicht nur wegen des überflüssigen Buchstabens an achter Stelle. Damit bin ich eigentlich noch nie schlecht gefahren. Ab und zu „muss“ man vielleicht einen Tag länger an einem Ort bleiben oder aufgrund fehlender Verbindungen eine ungeplante Nacht einlegen (Gruss hierbei an den Belgrader Bahnhof und nach Podgorica), aber irgendwie kommt man schon zum Ziel. Das war schon immer so – bis heute.
Am Samstag habe ich Ushuaia verlassen und bin per Flugzeug nach El Calafate weitergereist. Der Flug mit Aerolineas Argentinas verlief reibungslos, die erneute zweistündige Verspätung hätte allerdings nicht unbedingt sein müssen. El Calafate liegt knapp tausend Kilometer nördlich von Ushuaia, nahe der Grenze zu Chile. Der Grund warum ich dieses Ziel ausgewählt habe, ist der nahe gelegene Parque Nacional Los Glaciares, in welchem sich der Perito-Moreno-Gletscher, eines der Highlights von Patagonien, befindet. Das Dorf – andere nennen es Kleinstadt- El Calafate liegt einsam und verlassen am Lago Argentino. Eine wunderschöne Lage, aber der einzige Grund, warum es dieses Dorf wohl wirklich gibt, ist der Tourismus. In der Umgebung gibt es ausser dem Nationalpark und dem See so ziemlich nichts, der nächste grössere Ort ist Rio Gallegos 300 Kilometer südöstlich von hier.
Da ich nur noch bisschen mehr als eine Woche Zeit habe, wurde der Nationalparkbesuch gleich gestern Sonntag gemacht. Frühmorgens wurde ich beim Hotel abgeholt und zum Gletscher gefahren. Ein Riesending. Der Perito-Moreno-Gletscher ist ca. 60 km lang, knappe sechs Kilometer breit und ragt bis zu 75 Meter hoch über dem Lago Argentino. Der letzte Gletscher, welcher besucht wurde, der Franz-Josef-Gletscher in Neuseeland, ist im Vergleich zum Perito Moreno eher ein zu gross geratener Eiswürfel denn ein Gletscher. Meine Tour führte mich zuerst mit dem Boot sehr nahe an den Gletscher heran, bevor es zu Fuss zu den verschiedenen Aussichtspunkten ging. Wow! Als es dann das Wetter nicht mehr so gut meinte, verzog ich mich ins Restaurant und im Verlaufe des Nachmittags ging es zurück zum Hostel.
Gegen Abend fiel mir dann ein, dass ich dann doch mal meine Weiterreise am nächsten Tag planen könnte. Dies war dann der ungemütlichere Teil des Tages. Schon bald merkte ich, dass ich so richtig im Ghetto war. Mein Ziel ist es, spätestens am Freitag in Santiago de Chile,welches doch noch ein wenig nördlich von El Calafate liegt, anzukommen. Die interessanteste Variante dafür hatte ich schon lange im Kopf. Mit dem Bus ginge es von hier innert fünf Stunden nach Puerto Natales in Chile. Dort könnte ich am Montag Abend auf einem Frachtschiff einchecken, welches am Freitag in Puerto Montt anlegen wird. Von diesem Ort sind es dann nur noch tausend Kilometer bis Santiago de Chile, sprich ein zweistündiger Flug oder eine knapp zwölfstündige Busfahrt. Unzählige Reiseberichte habe ich über diese (sehr bekannte) Schifffahrt durch die chilenischen Fjorde gelesen. Viele haben von den positiven Eindrücken geschwärmt, aber ebenso viele haben davor gewarnt, dass dies nun mal kein Kreuzfahrtschiff und der Wellengang zuweilen ziemlich hoch sei und dass die ebenfalls an Bord transportierten Tiere ab und zu seekrank würden, trüge auch nicht unbedingt zu einem guten „Klima“ auf dem Schiff bei. Immer wieder sind mir dabei Szenen von der knapp dreistündigen Überfahrt von Wellington nach Picton im Kopf rumgeschwirrt; eine Schifffahrt, bei welcher ich mich aufgrund der Wellen nicht wirklich wohl fühlte. Will ich wirklich 84 Stunden auf einem Schiff verbringen?
Möglichkeit Nr. 2 wäre mit dem Bus mal in Richtung Norden zu fahren. Ironischerweise hätte ich dafür zuerst mal nach Rio Gallegos müssen, der oben bereits erwähnten Stadt, welche jedoch in südlicher Richtung liegt. Von dort hätte ich eine Verbindung nach Santiago de Chile in mehreren Etappen hingebracht, reine Fahrzeit wäre um die 50 Stunden gewesen.
Und dann gibt es noch Möglichkeit Nr. 3 – das Flugzeug. Vom stets überfüllten, riesigen, unübersichtlichen Flughafen in El Calafate gibt es pro Tag unglaubliche acht Flüge. Fünf davon nach Patagonien und Feuerland (also in die Regionen, in denen ich mich bereits befinde), die restlichen drei nach Buenos Aires. Der Flug nach Buenos Aires ist nicht unbedingt die billigste, aber natürlich weitaus die bequemste und in Anbetracht der Alternativen auch die logischste Variante. Trotzdem wäre ein Flug zurück nach B.A. für mich wohl die schlimmste aller Möglichkeiten. Dabei geht es mir keineswegs um den Preis – ich habe mich längst damit abgefunden, dass eine Weltreise kein billiges Unterfangen ist, vor allem nicht, wenn man an abgelegene Orte reist -, hier geht es um Sachen wie Stolz, Sturheit und andere so Ego-Dinger. Es muss doch möglich sein, einen Weg aus diesem verfl***ten Kaff zu finden, ohne dabei zurück nach Buenos Aires zu müssen. Vor allem für einen erfahrenen Reisenden wie mich! Um das geht es.
Nachdem ich gestern Abend mindestens sechs Stunden lang alle möglichen Varianten von vorne nach hinten und unten nach oben durchleutet habe, konnte ich mich immer noch nicht entscheiden. So entschloss ich mich um Mitternacht mal das Busterminal aufzusuchen. Doch auch dieser Besuch brachte mich nicht wirklich weiter und als ich mich morgens um eins ins Bett legte, hatte ich immer noch keinen Plan für heute.
Zumindest wusste ich, dass die Frachtschiffidee nicht mehr in Frage kommen würde, sofern ich nicht vor acht Uhr am Busterminal auftauchen würde, denn der Bus Richtung Chile fährt um halb neun. Natürlich erwachte ich prompt um sieben, was ich eigentlich so erwartet hatte, da ich dieses blöde Schiff immer noch im Kopf hatte. Der Gedanke an den hohen Wellengang führte jedoch dazu, dass ich schnell wieder einschlief.
Als ich mich dann um elf Uhr in Richtung „Stadt“ aufmachte, gab es noch die Möglichkeit des 12.30 Uhr-Busses nach Rio Gallegos sowie dieses widerliche Flugding in die Hauptstadt. Unverbindlich ging ich mal ins Büro der Fluggesellschaft um nachzufragen für welchen Flug es noch Plätze hätte und was das kosten würde. Dabei stellte ich erstaunt fest, dass der Preis um knappe hundert Franken tiefer war als noch am Vortag im Internet gelistet. Das überzeugte mich jedoch immer noch nicht und ich musste eine schwache Minute abwarten, bis mein Ego schliesslich nachgab. Ich kaufte das Ticket für den Flug um 19 Uhr nach Buenos Aires. Dort werde ich wohl ein bis zwei Nächte bleiben, bevor ich die zwanzigstündige Busfahrt nach Santiago de Chile starten werde.
Nun sitze ich hier im Flughafen, wo ich soeben erfahren habe, dass der Flug – wen wundert’s – wieder mal Verspätung hat. Diesmal sollen es drei Stunden sein. Geplante Ankunft in Buenos Aires => morgens um zwei. Hätte ich doch bloss den Bus genommen…
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