Irreführende Songs führen zu spontanen Entscheidungen, welche fehlerhafte Blogtexte auffliegen lassen – kurz: Dank DJ Buddy in Ushuaia.
23 04 2010Ladies and Gentlemen, keine Ahnung woran es liegt, aber ich habe eine Schreibblockade. Dies ist wirklich nicht lustig, gemäss Wikipedia kann eine Schreibhemmung (dieses Wort tönt noch besser als Schreibblockade) dazu führen, „dass Leute schon beim Gedanken an die Anfertigung ihrer Arbeit oder beim Anblick ihres Computers oder Bildschirms von körperlicher Übelkeit oder Unruhe befallen werden, und es noch nicht einmal schaffen, ihren Computer oder das Schreibprogramm zu starten.“ Ok, die Schnelldenker haben gemerkt, dass es bei mir noch nicht so weit ist, da ich es offensichtlich geschafft habe, den Computer zu starten. Aber einen passenden Blogtitel hab ich nicht hingebracht.
Nachdem ich entschieden hatte, nicht frühzeitig nach Santiago de Chile zu reisen, ging es darum, für die restlichen zwei Wochen ein passendes Alternativprogramm zusammenzustellen. Als ich meine Reise in Richtung Nordwesten Argentiniens mit einem kurzen Abstecher nach Bolivien fast schon perfekt durchgeplant hatte, kam DJ Buddy ins Spiel. Genau zu diesem Zeitpunkt lief nämlich dessen nervtötender Apres-Ski-Ischgl-Dauerhit „Ab in den Süden“ im Radio (ok, logisch, dass das hier in Argentinien nicht läuft, aber ist irgendwie noch ein guter Aufhänger). Sommer, Sonne, Strand, Sonnenschein ist so ziemlich der ganze Text dieses musikalischen Meisterwerkes und da dies genau das wiederspiegelte, wonach mir der Sinn war, buchte ich anstatt eines Trips in den Norden spontan einen Flug in den Süden. Da dies so richtig spontan war (morgens um halb 3-Style), ging es auch so richtig in den Süden. Mein Ziel hiess Ushuaia. Da diese Stadt nix mit Uschi Glas gemein hat (ey, es ist ne schöne Stadt), bitte immer so aussprechen: Uswaja.
Der Flug von Buenos Aires war für Dienstag Morgen geplant, irgendwann gegen Mittag hoben wir dann auch ab. Keine Ahnung wieso, aber Flugverspätungen sind etwas, was mich jeweils extremst beunruhigt, da ich dann immer das Gefühl habe, dass mit der Maschine was nicht stimmt. Auch die sorglos dreinschauenden Stewardessen konnten mich nicht aufheitern und ich war heilfroh, als wir nach knapp 4 Stunden in Ushuaia landeten. Der Anflug erinnerte mich dann stark an den Trip auf die Färöer-Inseln vor fünf Jahren. Ushuaia ist schon ein wenig Torshavn, einfach in gross.
Die Stadt liegt am südlichsten Zipfel des südamerikanischen Kontinents, auf der „Isla Grande de Tierra del Fuego“, der Hauptinsel des Feuerland-Archipels und gleichzeitig grösste Insel Südamerikas. Mit einer Fläche von 47’200 Quadratkilometern ist die Insel, welche teils zu Argentinen, teils zu Chile gehört, grösser als die Schweiz, besteht jedoch nebst Ushuaia nur aus drei weiteren Siedlungen; einer Stadt und zwei kleinen Dörfern. Ziemlich unbewohnt.
Hauptsächlich gibt es zwei Gründe, wieso es Reisende nach Ushuaia zieht. Der erste Grund: Ushuaia ist die südlichste Stadt der Welt. Der zweite Grund: Die Nähe zur Antarktis macht Ushuaia zum Ausgangsort für die meisten Antarktis-Kreuzfahrten. Leider bin ich nicht wegen des zweiten Grundes hier gelandet, obwohl eine Antarktis-Expedition wohl was vom erlebenswertesten wäre. Solche Fahrten kosten jedoch durchschnittlich zwischen 8’000 und 14’000 US-Dollar (für 1 bis 2 Wochen), was dann doch leicht über meinem Budget liegt. Ausserdem ist die Saison vorbei, hier wird es langsam Winter. Somit sei gesagt: Nix mit Sommer, Sonne, Sonnenschein und Strand (by the way: macht das Sinn nach „Sonne“ noch „Sonnenschein“ zu erwähnen oder ist dies ein aktiver Fall von Pleonasmus?). Danke DJ Buddy. Als ich bei angenehmen 1° C aus dem Flugzeug stieg, war ich kurzzeitig geschockt, denn immerhin war es in Montevideo am Tag zuvor noch 27 Grad warm. Aber man gewöhnt sich schnell dran.
Da ich mir an diesem 20. April auch mal was gönnen wollte, stieg ich ausnahmsweise mal in einem teuren Hotel ab. Man bedenke, dass ich durch die nicht gemachte Antarktis-Kreuzfahrt mehr als 10’000 Franken gespart habe, die kann ich jetzt schliesslich andersweitig ausgeben… 🙂 Als ich später erfahren habe, dass gewisse Hostels Probleme mit der Heizung und kein heisses Wasser zum Duschen haben, freute ich mich umso mehr, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Bei der Entdeckungsreise durch diese Stadt (Ushuaia hat immerhin 75’000 Einwohner), wurde mir dann bewusst, dass ich die Leser dieses Blogs bei einem meiner früheren Beiträge wohl fehlinformiert habe. Ja, dies kann passieren; selbst wenn die Fakten meiner Beiträge besser recherchiert sind als jeder einzelne Artikel der meistverkauften Tageszeitung der Schweiz (ok, I agree, ist nicht schwer). Aber man möge mir verzeihen, denn zu dem Zeitpunkt als ich die neuseeländische Traumstadt Invercargill als „A…. der Welt“ bezeichnet habe, wusste ich auch noch nicht, dass ich knappe drei Monate später am richtigen „A…. der Welt“ sein werde. Here I am. Ende der Welt. So sieht es aus.
Um ehrlich zu sein, muss man auch betonen, dass hier mindestens zehnmal so viel los ist wie in Invercargill. Die Stadt ist voll von Restaurants und Einkaufsläden und im Gegensatz zu Buenos Aires, einer Millionenstadt, habe ich hier sogar ansprechende Bücher in englischer Sprache gefunden. Ushuaia ist sowas von touristisch. Dies alles gilt für die Hauptstrasse. 500 Meter davon entfernt und, again, Ende der Welt, here I am. Mal von den Distanzen abgesehen, ist die Lage Ushuaias nicht von schlechten Eltern. Im Süden der Stadt liegt der Beagle Kanal, von welchem aus die Schiffe in die Antarktis starten und rundherum liegt die Bergkette der Anden. Ein traumhaftes Panorama. Zudem mein Zimmer mit Bergsicht. Wow.
Gebucht wurde vorerst ein Aufenthalt von zwei Nächten, da ich absolut keinen Plan hatte, was es hier zu machen gibt. Umso mehr wusste ich, wie ich meine Reise fortsetzen wollte. Als erstes sollte es weitergehen nach Puerto Williams. Dieses Dorf liegt – man staune – südlich von Ushuaia und wird von einigen als südlichste Stadt der Welt bezeichnet; bei knapp 2000 Einwohnern von einer Stadt zu sprechen, finde ich dann schon ein bisschen vermessen (hierbei ein grüezi an die Städte Lungern und Hildisrieden). Als es dann an die Feinplanung ging, stellte sich heraus, dass diese Weiterreise nicht so einfach zu sein scheint. „Dummerweise“ liegt Puerto Williams auf der chilenischen Seite von Feuerland. Somit ist diese Überfahrt, welche per Boot in ca. einer Stunde gemacht werden könnte, hauptsächlich eine politische Angelegenheit. Dies wirkt sich auch auf die Preise aus. Oder sind umgerechnet 150 Franken für ein bisschen Böötlifahren in einem Land wie Argentinien etwa normal? Keinesfalls. Hinzu kommt, dass der Bootsbetrieb saisonal bedingt bereits eingestellt wurde, es blieb also nur das Flugzeug. Der Flug dauert knappe 15 Minuten ist aber nochmals teurer als das Boot. Kommt hinzu, dass momentan (man ahnt es schon, saisonal bedingt) keine regulären Flüge angeboten werden, aber immerhin hätte ich ein Flugzeug chartern können. Die Idee war extrem reizvoll: Ein Flugzeug für mich alleine chartern, um damit ins südlichste Dorf der Welt zu fliegen. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich ja irgendwie wieder von Puerto Williams wegkommen müsste und die oben erwähnten Preise sind alle one-way… Tja, wird nix mit dem Birnentor.
Da es mir hier wirklich gefällt (no joke!) wurde der Aufenthalt inzwischen auf vier Nächte verlängert. Heute Donnerstag stand ein Ausflug in den nahe gelegenen Feuerland-Nationalpark auf dem Programm. Dabei habe ich via Hotel eine geführte Halbtages-Tour gebucht. Erwartet wurde eigentlich ein Reisecar voller Touristen (off-season, aber es wimmelt hier von Leuten), welche dann von Lookout zu Lookout chauffiert werden. Abgeholt wurde ich von einem Jeep, in dem nebst Reiseleiter und Fahrer vier Touristen Platz genommen hatten. Je ein Pärchen aus Brasilien und Spanien, allesamt eingekleidet mit Skianzügen, Wanderschuhen und Rucksäcken. Philipp in Jeans, Turnschuhen und Sommerjacke fehl am Platz? Bereits beim ersten Stop fragte mich der Reiseleiter, ob ich nicht kalt habe und ob ich für die Wanderungen bereit sei. Wanderungen? Hä? Ich antwortete ihm, dass ich aus der Schweiz komme, für uns dieses Wetter normal sei und nicht kalt und Wanderungen noch nie ein Problem gewesen seien. Spätestens jetzt fühlte ich mich fehl am Platz. Aber: Schlussendlich wurde es ein genialer Tag, die Kälte, ca. 3 Grad plus (gemäss Wetterbericht gefühlte -5 Grad) spürte man irgendwann nicht mehr und die Berge, Seen, Flüsse, das Meer, die Füchse und Gänse entschädigten auch für die „Wanderungen“, welche sich als 40- 20- und 15minütige Spaziergänge herausstellten.
Morgen gibt es für mich, sofern das Wetter mitspielt, eine Bootsfahrt auf dem Beagle Kanal, welche sozusagen die „abgesagte“ Überfahrt nach Puerto Williams ersetzen soll. Am Samstag sollte es dann weitergehen, allerdings habe ich noch keine Ahnung wohin (ok, höchstwahrscheinlich Richtung Norden, höhö) – hierher zu kommen war definitiv einfacher als einen vernünftigen Weg zurück zu finden. Tägliche Flüge gibt es zwar, allerdings gehen die nach Buenos Aires. Nun ja, macht das Sinn? Eben.
Irgendwie werde ich den Weg nach Santiago de Chile schon schaffen, immerhin bleibt mir noch mehr als ne Woche Zeit. So lange geniesse ich es in der südlichsten Stadt der Welt, welche viel mehr zu bieten hat als nur diesen Titel.
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