Einmal über den Fluss und zurück

20 04 2010

Nachdem ich zehn Tage in Buenos Aires verbracht habe, hiess es für mich dann doch Abschied nehmen von dieser (sehen wir mal von einigen Unannehmlichkeiten ab) wunderschönen Stadt. Meine Reise führte mich über den Fluss Río de Plata nach Uruguay. Erstes Ziel im neuen Land war Colonia del Sacramento, ein kleines Städtchen, welches mit der Fähre von Buenos Aires in einer Stunde erreicht werden kann. Das Interessante an dieser Stadt ist wohl vor allem, dass sie der pure Kontrast zu Buenos Aires darstellt. Gerade mal 20’000 Einwohner und praktisch menschenleere Strassen, dazu eine Altstadt (Colonia ist die älteste Stadt Uruguays), in welcher man sich ins 17. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Die Ruhe zu geniessen nach eineinhalb Wochen Buenos Aires hatte doch auch was Schönes. Nachdem die wichtigsten Sachen gesehen wurden und die Sonne langsam am Himmel verschwand, ging es für mich am Abend weiter nach Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Montevideo ist  zwar weitaus kleiner und weniger hektisch als Buenos Aires, mit den vielen historischen Gebäuden und Denkmalen sowie der verschmutzten Luft haben die beiden Städte aber doch auch Ähnlichkeiten. Die relaxte Art gefiel mir auch ziemlich, um ein Wochenende auszuspannen und doch wäre ich hier wohl nicht zehn Tage geblieben. Konnte ich in B.A. ständig neue Sachen entdecken, hat man Montevideo dann doch mal gesehen. Einen Vorteil hat die Stadt dennoch: Sie ist eine der wenigen Weltstädte, welche einige schöne Strände ihr Eigen nennen kann. Leider war es dann zum Baden doch zu kalt (das Wasser meine ich, die 27 Grad Lufttemperatur waren ganz angenehm) und der Río de la Plata ist, nun ja, sagen wir mal, nicht sehr einladend. Die Strände und auch die Promenade können sich jedoch sehen lassen.

Nachdem am Samstag ein erster Stadtrundgang erfolgte, freute ich mich besonders auf den Sonntag. An diesem Tag stand das Fussballspiel zwischen den beiden wichtigsten und erfolgreichsten Klubs des Landes, dem CA Peñarol und dem Club Nacional de Football statt. Das Besondere an dieser Begegnung ist, dass sie jeweils im Estadio Centenario gespielt wird, dem Stadion, in dem vor 80 Jahren (und glaubt mir, man sieht dem Stadion das Alter an) der erste WM-Final überhaupt gespielt wurde und der Gastgeber seinen ersten von bisher zwei WM-Titeln errang. Mit 55’000 Personen im Stadion war auch die Zuschauerkulisse ziemlich ansprechend. Dass das Spiel, welches übrigens weltweit das älteste Fussball-Derby ausserhalb der britischen Inseln sein soll, 0:0 endete, war dabei Nebensache. An diesem Tag galt: Dabei sein ist alles.

Da mir von mehreren Seiten abgeraten wurde, am Wochenende die Altstadt zu besuchen (zu gefährlich), wurde dieser Teil für den Montag geplant. Als ich am Montagmittag dort ankam, war dann allerdings alles gespentisch ruhig und ausser ein paar zwielichtigen Gestalten und (glücklicherweise) massenhaft Polizei war fast niemand auf der Strasse. Auch die meisten Läden hatten geschlossen, was ich darauf zurückführte, dass Siesta-Time war. Mehr durch Zufall erfuhr ich dann, dass heute ein lokaler Feiertag war. So wurde die Zeit halt sonstwie vertrieben und nebenbei die nächsten Tage näher geplant.

Wie im letzten Artikel angetönt, war es schlussendlich eine schwere Entscheidung, wohin die Reise noch führen sollte. Ursprünglich war der Plan eigentlich ziemlich klar. Mein Rückflug startet in zwei Wochen (3. Mai) in Santiago de Chile und der Weg dorthin von Buenos Aires führt einmal quer durch Argentinien. Lediglich 1400 Kilometer, also locker machbar mit zwei Wochen Zeit. Dabei ungefähr drei bis vier Tage vor Abflug in Santiago eintreffen, damit man auch diese Stadt noch erkunden kann. Soweit der Plan. Das Erdbeben in Chile vor einiger Zeit ergab für mich jedoch eine neue Möglichkeit. Durch diese Naturkatastrophe stand das Land einige Zeit still, das galt natürlich auch (ja, einige ahnen es schon) für den Fussball. Schlussendlich führte dies dazu, dass sämtliche Spiele der höchsten Ligen um zwei Wochen verschoben wurden. In Chile gibt es eigentlich nur ein Fussballspiel, welches besonders sehenswert ist. Dasjenige von Colo-Colo gegen die Universidad de Chile. Dieses Spiel war für den 11. April angesetzt. Da nun aber alle Spiele um zwei Wochen verschoben wurden… Genau. Nun ist es natürlich verrückt, den zweiwöchigen Reiseplan nach einem 90 Minuten dauernden Fussballspiel zu richten. Stimmt. Aber das ist nicht irgendein Fussballspiel, das sind Emotionen einer ganzen Nation, fünfzig- sechzig- oder siebzigtausend Fans im Stadion, ein Highlight auf einem Kontinent, für dessen Bewohner Fussball mehr ist als bloss ein Sport. Ja, die, die mich kennen, wissen jetzt wohl, wie ich mich entschieden habe. Nein, Überraschung, ich lasse mich nicht hetzen. Es ist verrückt, den zweiwöchigen Reiseplan nach einem 90 Minuten dauernden Fussballspiel zu richten. Ich fahre nicht hin. Anstatt dessen begebe ich mich per Fähre (dieses Mal auf dem direkten Weg) zurück nach Buenos Aires, wo meine Reise morgen Dienstag zu früher Stunde weitergehen wird. Wohin? Es wird wohl erneut der pure Kontrast zu Buenos Aires sein…