Wenn man Zeit hat…
8 04 2010Nach dem (viel zu frühen) Abschied aus Foz do Iguaçu ging es per einstündigem Flug weiter nach Curitiba. Die siebtmeist bevölkerte Stadt Brasiliens ist eigentliche keine typische Touristenstadt. Es gibt dort nur wenige Sehenswürdigkeiten und da die Stadt im Landesinnern liegt, sind auch Strände Fehlanzeige. Der Grund warum ich mich dennoch entschieden habe, nach Curitiba zu fliegen, war der Serra Verde Express. Dieser Touristenzug führt in 3 Stunden von Curitiba nach Morretes und soll gemäss diversen Quellen eine der schönsten Zugstrecken der Welt sein.
Mein Plan sah vor, lediglich zwei Nächte in Curitiba zu verbringen, und den einzig ganzen Tag für eben diese Zugfahrt zu verwenden. Der Zug fährt nur einmal täglich, morgens um 8.15 Uhr; deshalb wurde der Wecker auf 7 Uhr gestellt. Da die Nächte in Foz do Iguaçu hauptsächlich von wenig Schlaf geprägt waren, war mir um 7 Uhr aber überhaupt nicht nach aufstehen, und da ich wusste, dass ich die Zugfahrt problemlos einen Tag hinausschieben kann, wurde halt weitergeschlafen. Wenn man Zeit hat… 🙂
So wurde der erste Tag, also eigentlich nur der Nachmittag, mit einer Stadtrundfahrt verbracht. Nebst dem Touristenzug rühmt sich Curitiba vor allem dafür die „grünste“ und innovativste Stadt Brasiliens zu sein. In Zeiten als Umweltschutz und Städteplanung in Brasilien Fremdwörter waren, konzipierte man in Curitiba Pläne wie die Stadt in Zukunft aussehen sollte, und begann den Verkehr zu verringern, die Innenstadt zu entlasten und Pärke zu bauen. Dies war vor mehr als 40 Jahren. Entstanden ist dabei ein gelungenes Projekt und eine Stadt, der man, im Gegensatz zu São Paulo, die Städteplanung auch ansieht. Ausserdem besitzt Curitiba das beste öffentliche Bussystem in Brasilien, auch wenn ich aus den komischen Bushaltestellen bis heute nicht schlau werde, aber die sollen angeblich genial sein. So viel Ruhm für diese nicht sehr bekannte Stadt, welche vom Städteplaner-Kongress (was es nicht alles gibt) vor einiger Zeit als innovativste Stadt der Welt gekürt wurde. Meine Stadtrundfahrt, auf der es doch einiges zu sehen gab, dauerte dann über sechs Stunden und ich war froh, dass ich diese gemacht habe. Der Zug fuhr ja auch am nächsten Tag noch. Ausserdem war dieser nächste Tag Karfreitag, was heisst, dass sowieso alle Geschäfte geschlossen sein würden. Ideal für Tschutschu-Bahn.
Als ich dann Karfreitag erwachte, dachte ich mir, dass eigentlich der Wecker, welcher wiederum auf 7 Uhr gestellt wurde, nächstens klingeln müsste. Als ich meine Armbanduhr konsultierte, sah ich, dass es fünf vor war. Gutes Timing. Moment. Fünf vor was? Fünf vor acht? Shit. Wecker wo? Iphone her! Akku leer… Den 8.15-Uhr-Zug konnte ich getrost vergessen, immerhin konnte ich das Morgenessen gemütlich geniessen. Zurück im Zimmer dämmerte es mir dann, dass an Sonn- und Feiertagen jeweils um 9.15 Uhr ein weiterer Zug (die Luxus-Variante) fährt. Logisch. Im Internet schnell die Preise gecheckt und gemerkt, dass dieser Zug anstatt der von mir geplanten 40 Franken 120 Franken kosten würde. Dafür hat man einige unglaubliche Annehmlichkeiten wie ein eigenes Sofa sowie einen Plasma-Bildschirm, welche die draussen vorbeirauschende Landschaft real-time überträgt. Fragen, ob es Platz hat, kostet ja nichts. Ab zum Bahnhof. Als ich dort ankam, sah ich den Zug noch und wenige Sekunden später war er in Bewegung. Zu spät. Was nun? Variante 1 wäre gewesen, ohne dieses Erlebnis weiterzureisen. Variante 2 noch einen Tag anzuhängen. Tja, wenn man Zeit hat… 🙂
Da ich schon am Bahnhof war, kaufte ich mir gleich das Ticket für den nächsten Tag. In diesem Moment erklärte man mir, dass der Luxuszug zwar wirklich 120 Franken gekostet hätte, aber nur für die Rückfahrt. Die Hinfahrt wäre mit zusätzlichen 160 Franken berechnet worden. Nun dann. Für meinen Zug konnte ich zwischen 1., 2. und 3. Klasse wählen und da mir die 1. Klasse zu teuer war, nahm ich ein 2.-Klass-Ticket.
Am nächsten Morgen ging es dann, mit zwei Tagen Verspätung, endlich los. Der Zug war mit 20 Wagen ziemlich lang und auch sehr gut gefüllt. Die meisten Insassen waren jedoch brasilianische Touristen. In meinem 60-Platz-Abteil war ich der einzige Nicht-Brasilianer. Während der dreistündigen Fahrt war pro Wagen eine Reiseführerin ständig am erklären, was draussen gerade abging. Bilingualität war dabei leider nur in der 1. Klasse inbegriffen und somit lauschte ich halt den Erklärungen auf Portugiesisch. Während den „Pausen“ setzte sich aber die nette Dame jeweils zu mir und übersetzte mehr oder weniger alles auf Englisch. Top Service!
Die Fahrt war dann nicht ganz so spektakulär, nur die Brasilianer waren alle am ausflippen. Das muss wohl ein Riesen-Highlight sein, zumal Zugfahrten in Brasilien nicht wirklich alltäglich sind. Sobald mal ein Tunnel kam, wurde geschrien und gejubelt, was das Zeug hielt. Ab und zu wurde während der Tunneldurchfahrten das Licht im Wagen abgeschaltet, dann war der Tumult noch grösser und es wurden Fotos geknipst (funktioniert das?) wie wild. Einige Passagen waren aber dann wirklich spektakulär. Die Strecke beginnt in Curitiba auf 935 Metern über Meer und endete auf Meershöhe. Das heisst, dass eine ziemliche Höhendifferenz bewältigt wird und die Viadukte und Brücken waren teils unglaublich hoch und nicht immer sehr vertrauenswürdig, vor allem dann, wenn der Zug breiter war als das schmale Gleis darunter… Da in der kurzen Zeit von 3 Stunden immerhin ein bisschen mehr als 60 Kilometer zurückgelegt wurden, hatte der Zug auch eine unglaubliche Geschwindigkeit drauf. Manchmal huschten all die sehenswerten Sachen so schnell vorbei, dass man sie gar nicht sehen konnte…
In den total sechs Stunden habe ich aber doch einige Eindrücke sammeln können und schlussendlich hat sich der Abstecher gelohnt, auch wenn „eine der schönsten Zugstrecken der Welt“ vielleicht etwas hochgegriffen ist. Aber sowas kann man schon mal machen, wenn man Zeit hat…









„Mer händ jo Zyt.“ Einer meiner Lieblingssätze auf einer Weltreise. Geniess es noch und weiterhin so spannende Berichte.
Hoi Zwiller
wow…. wie neidisch man doch werden kann, wenn man all die tollen Berichte und Bilder liest/sieht 🙂
Ich wünsche dir noch eine super tolle und interessante Zeit. Und geniesse den Moment von „no stress“…
Liebe Grüsse
Dänele