Die Franzosen können es ja doch noch
13.07.2010: Singapur, S-League, Young Lions – Etoile FC 1:2 (0:2), Jalan Besar Stadium, Singapore, 1068 Zuschauer
Da das Premiere-League-Spiel vom Montag Abend in Kuala Lumpur nicht besucht wurde (die Petronas Towers bestaunen war einfach schöner), schloss ich den Malaysia-Trip mit lediglich einem Spiel ab. Das zweite Spiel meiner Reise sollte das Top-Spiel der Runde der S-League in Singapur sein. Im Jalan Besar Stadium trafen die Young Lions auf den Etoile FC.
Die Young Lions sind im Grunde genommen die U23-Nationalmannschaft Singapurs. Um den jungen Spielern Wettkampfpraxis zu verschaffen, beschloss man vor einigen Jahren, dieses Team in die Meisterschaft aufzunehmen. Die Altersobergrenze von 23 Jahren wird strikte eingehalten und es spielen ausschliesslich Spieler mit Nationalität Singapur oder ausländische Spieler, welche voraussichtlich eingebürgert werden. Nach einer Serie von 9 Spielen ohne Niederlage, welche die Lions bis auf Rang 5 der Tabelle führte, musste man im letzten Spiel erstmals wieder punktelos vom Platz.
Der aktuelle Tabellenführer Etoile FC hatte noch eine beeindruckendere Serie von 12 Spielen ohne Niederlage vorzuweisen, ehe man ebenfalls im letzten Spiel als Verlierer den Platz verliess. Der Etoile FC spielt seine erste Saison in der S-League. Dabei handelt es sich bei diesem Klub um einen Verein aus Frankreich. Unter der Führung des Ex-Nationalspielers David Ginola wurde in Frankreich eine Truppe aus französischen 2.-5.-Liga-Spielern zusammengestellt, welche dann nach Singapur entsandt wurde. Als ausländisches Team nimmt man nun am Liga-Alltag in Singapur teil. Dabei war man bereits erfolgreich und gewann auf Anhieb den Liga-Cup und auch in der Meisterschaft ist man auf Kurs.
Im heutigen Spiel ging es also für die Young Lions darum, den Anschluss an die Spitze zu wahren, für den Etoile FC darum, die Verfolger nicht zu nahe aufschliessen zu lassen. Eine spannende Ausgangslage.
Das Jalan Besar Stadium, ein reines Fussballstadion mit Kunstrasenplatz, hat eine Kapazität von 6’000 Plätzen, welche allesamt für sitzende Personen konstruiert sind. Es gibt lediglich zwei Tribünen auf den Längsseiten, eine überdachte zweistöckige Tribüne auf der einen und eine kleine einstöckige Tribüne auf der anderen Seite. Für das heutige Spiel war lediglich der Unterrang der überdachten Tribüne geöffnet. „Zufälligerweise“ lag mein Hotel nur 50 Meter vom Stadion entfernt und so hatte ich für einmal eine kurze Anreise ohne horrende Taxikosten. Der Eintritt von umgerechnet vier Franken war auch in Ordnung.
Das Spiel begann mit einem Paukenschlag. Nach 72 Sekunden fiel nämlich bereits der Führungstreffer für den Tabellenersten. Die jungen Löwen waren in den ersten Minuten brutal überfordert und die Franzosen konnten noch vor Ablauf der ersten zehn Minuten ein zweites Mal jubeln. Das Spiel schien für die Hausherren in einem Desaster zu enden. Trotz der löchrigen Defensive spielte man vorne ganz gut und der Rückstand hätte locker aufgeholt werden können, wenn denn der Keeper der Gäste nicht so sackstark gehalten hätte. So stand es zur Pause 0:2, ein Resultat dass aufgrund der vielen Angriffsbemühungen und Chancen des Heimteams nicht ganz gerecht war. Die zweite Halbzeit begann ziemlich so, wie die erste geendet hatte. Die Young Lions spielten mutig nach vorne, währenddessen die Gäste nach dem 0:2 nicht mehr gross Lust verspürten, noch was zu machen. Das Spielniveau war gar nicht mal so schlecht, in der 2. Halbzeit stand aber mehr die Spielweise im Vordergrund. Nach zwei, drei rüden Fouls wurde die Partie richtig gehässig und glich dann und wann mehr einer Schlacht als einem Fussballspiel. Der Schiedsrichter hatte das ganze teilweise nicht mehr unter Kontrolle, die Trainer gingen einander an die Gurgel und der Trainer der Heimmannschaft griff einen Spieler des Gegners tätlich an. Dies zog sich durch die ganze zweite Halbzeit. Im Spiel war es nur noch eine Frage der Zeit, bis den Gastgebern endlich der Anschlusstreffer gelang, schlussendlich war es jedoch erst in der 89. Minute so weit. Der Treffer war hochverdient, die Mannschaft glaubte noch an den einen Punkt und wurde fast belohnt. In der 95. Minute spielte sich nämlich die unglaublichste Szene des ganzen Spiels ab. Nach einem sehenswerten Angriff der Young Lions war der Torhüter von Etoile geschlagen und der südkoreanische Stürmer der Heimmannschaft musste den Ball aus weniger als einem Meter (!) nur noch über die Linie schieben. Dabei schoss er sich ans eigene Standbein und verhinderte so das sichere Tor. Ein ganz klarer Fall für jeden Jahresrückblick. So blieb es beim nicht ganz verdienten 2:1-Sieg des Tabellenführers. Siehe da, die Franzosen können ja doch noch gewinnen.
Publikumsmässig erwartete ich natürlich nicht allzu viel. Als ich das Stadion eine Viertelstunde vor Spielbeginn betrat, war dieses aber schon ordentlich gefüllt und in der Mitte machten sich auch ca. 50 Young-Lions-Supporter bemerkbar, welche alle ein rotes T-Shirt trugen und mit den lustigen Plastik-Klatsch-Teilen ausgestattet waren. Auch ein paar Anhänger der Gäste waren über’s Stadion verteilt, dies bemerkte man spätestens nach dem Führungstreffer. Die 50 Supporter wurden nach einer Weile noch von einer Schar Junioren unterstützt, so dass gut 100 Leute, angeführt von einem männlichen und einem weiblichen Capo, Stimmung machten. Am auffälligsten waren dabei jeweils die „Defense, Defense“-Rufe, wenn die Etoile-Spieler im Angriff waren. Lustig. In der 2. Halbzeit mischten sich die Heimfans dann immer mehr ins Spiel ein, als sie lautstark anfingen, einen Teil der gegnerischen Spieler zu beschimpfen. Diese bedankten sich ihrerseits mit abfälligen und wohl auch einigen nett gemeinten (Kusshändchen, Finger in Richtung Anzeigetafel mit Spielstand usw.) Gesten. So entstand ein regelrechter „Privatkrieg“ zwischen den Fans und den Spielern, welcher darin gipfelte, dass ein schwarzer Spieler bei seiner Auswechslung mit Affengeräuschen eingedeckt wurde. Übel. Als das praktisch bereits gefallene Tor in der Schlusssekunde doch kein Tor wurde, waren einige dann doch recht wütend, was auch verständlich war.
Alles in allem ein ganz amüsantes Spiel, in der ersten Halbzeit unterhaltsam aufgrund der Leistung, in der zweiten Halbzeit mehr aus anderen Gründen.





