Erfolgsverwöhnte Fussballfans

27.03.2010: Brasilien, Campeonato Paulista A-1, SE Palmeiras – Mirassol FC 1:1 (1:0), Estádio Palestra Itália, São Paulo, 3764 Zuschauer 

Der Auftakt des Abenteuers “Fussball in Brasilien” durfte nach dem Samstagmorgen-Spiel durchaus als geglückt bezeichnet werden, doch wenn man schon in São Paulo ist, muss man natürlich auch einen der drei grossen Klubs der Stadt live sehen. Die Gelegenheit dazu bot sich beim Spiel SE Palmeiras – Mirassol FC, welches im Rahmen der höchsten Liga São Paulos stattfand.

Bereits 2 1/2 Stunden vor dem Spiel traf ich bei der U-Bahn-Station in der Nähe des Stadions ein. Dabei ist der Begriff “Nähe” in São Paulo relativ, benötigt man von dieser Station zu Fuss doch noch 20-30 Minuten zum Stadion. Da ich zu diesem Zeitpunkt keine anderen Fans am Bahnhof ausmachen konnte und meine Brasilianisch-Kenntnisse nicht ausreichten, um die Wegbeschreibung zu kapieren, wendete ich meinen einzigen perfekt auswendig gelernten Brasilianisch-Satz “Quanto custa o taxi até o estádio?” an. Und für läppische 12 Franken wurde ich zum Stadion gefahren. Weit kamen wir allerdings nicht, denn genau vor uns versperrte der Palmeiras-Mob, begleitet von einer Mannschaft berittener Polizisten, die ganze Strasse. Der Taxifahrer kommentierte das ganze Geschehen ziemlich laut und ungeduldig und obwohl ich kein Wort verstand, weiss ich, dass er bestimmt nichts Nettes gesagt hat. Ich hingegen freute mich auf das Spiel und die Stimmung.

Vor dem Stadion angekommen stellte sich die Ticketfrage. Kurventickets gab es für knapp 20 Franken, Tribünentickets für 25 und 60. Ich entschied mich für die Mittelvariante, das gesparte Geld konnte ich evtl. am nächsten Tag gebrauchen. Nach ein bisschen im Fanshop rumstöbern und von paar Palmeiras-Lads dumm angemacht werden (ich verstand eh nicht was sie sagten, war mir also egal), ging ich rund eine Stunde vor Spielbeginn ins Stadion. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der paar hundert Leute grosse Mob mit etlichen Transparenten und Fahnen noch vor dem Stadion. Das Stadion war praktisch leer, aber bis zum Spielbeginn war ja noch ne Stunde. Als es dann zu regnen begann, merkte ich auch den Unterschied zwischen den 25- und 60-Franken-Tickets… Jänu.

Das Stadion Palestra Itália, benannt nach dem ursprünglichen Klubnamen von Palmeiras, wurde in den 30er Jahren erbaut. Nach einigen Um- und Ausbauten ist das Stadion heute ein ziemlich wirres Konstrukt. Über die eine Längsseite sowie die Hintertorseite verläuft eine grosse Stehplatztribüne mit ca. 30 Betonstufen. Die zweite Längsseite besteht aus einer Sitzplatztribüne mit alten Bänken, welche ca. zur Hälfte gedeckt ist. Hinter dem zweiten Tor gibt es keine Tribüne, das Stadion ist auf dieser Seite also “offen”. Beim letzten Umbau wurde dann ein grosser Teil der Längsseite der Stehplatztribüne mit Sitzschalen ausgestattet, so sind dort nun die “bequemsten” Plätze des Stadions, jedoch ungedeckt. Das Stadion bietet heute noch Platz für knapp 30′000 Leute, der Stadionrekord liegt jedoch bei über 40′000.

Da der bisherige Saisonschnitt von Palmeiras bei lediglich 8′200 Zuschauern lag, rechnete ich damit, dass ein Grossteil des Stadions leer bleiben würde. Ausserdem war der Gegner aus Mirassol wohl auch nicht gerade ein Publikumsmagnet. Meine grösste Hoffnung lag in der aktuellen Tabellensituation von Palmeiras. Nachdem man in den letzten 6 Spielen lediglich 7 Punkte geholt hat, ist die Mannschaft bis auf den 9. Platz abgerutscht und es droht die Gefahr, die Halbfinals, für welche sich die besten vier Teams qualifizieren, zu verpassen. Für eine Mannschaft wie Palmeiras wäre dies eine ziemliche Katastrophe, zumal man in der Vorsaison die reguläre Saison noch als souveräner Tabellenführer abgeschlossen hat. Überhaupt ist Palmeiras in den 93 bisherigen Teilnahmen der Paulista erst zweimal schlechter als Rang 7 klassiert gewesen, hingegen hat man 22mal den Titel geholt (zuletzt 2008). Der Rückstand auf den 4. Platz beträgt 5 Punkte bei drei ausstehenden Spielen. Da diese Spiele ausschliesslich gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte stattfinden, war eine kleine, also eine klitzekleine, Hoffnung noch berechtigt. Dazu braucht es natürlich 9 Punkte.

Der Gegner aus Mirassol ist im Gegensatz zu Palmeiras ein unbeschriebenes Blatt. Erst 2008 schaffte man den Aufstieg in die höchste Liga São Paulos und nachdem man das erste Jahr mit Rang 7 ziemlich erfolgreich absolviert hat, steht man aktuell als 16. von 20 Teams auf dem letzten Nichtabstiegsplatz. Auch in der nationalen Statistik werden die Gegensätze deutlich. Auf der einen Seite der vierfache Meister Palmeiras, welcher 38 der bisherigen 40 nationalen Saisons in der Série A verbrachte und auf der anderen Seite der Série D-Klub Mirassol, welcher lediglich zwei Série C-Saisons vorweisen kann.

Kurz vor Spielbeginn kamen dann auch die Palmeiras-Fans ins Stadion, aber irgendwie schienen es doch nicht so viele. Der Gästeblock war auch nicht unbedingt gefüllt. Na toll. Das Gekicke auf dem Platz war dann auch nicht wesentlich ansehnlicher als am Morgen. Bereits in der 5. Minute erhielt das Heimteam jedoch einen (ungerechtfertigten) Penalty zugesprochen und konnte so das 1:0 erzielen. Es blieb das einzige Highlight für einige Zeit. Dass der Schiri jetzt konsequent gegen Palmeiras pfiff, um seinen Fehlentscheid zu korrigieren, machte die Sache nicht besser. Die 2. Halbzeit ist grundsätzlich schnell erzählt: Mirassol konnte nach 70 Minuten ausgleichen. Palmeiras rannte kopflos an und schöpfte kurz vor Schluss nochmals Mut, als ein Spieler von Mirassol die rote Karte gezeigt bekam, doch der Siegtreffer fiel nicht mehr.

Die Stimmung war nicht besonders berauschend. Das singende, tanzende, feiernde Grüppchen Palmeiras-Fans war weder grösser noch lauter als das von Juventus am Morgen und das überraschte mich doch sehr, immerhin war es ein immens wichtiges Spiel. Auch optischer Support war praktisch nicht vorhanden, obwohl vor dem Stadion einige Fahnen gesichtet wurden. Nach dem Ausgleichstreffer schlug die Stimmung sogar ins aggressive um und da ich den Rückweg zur Metro-Station eigentlich zu Fuss zurücklegen wollte, wünschte ich mir irgendwie noch den Siegtreffer für Palmeiras. Aber wirklich nur aus diesem Grunde. Die Anzahl Fans im Gästeblock betrug ca. 30, welche still da sassen und sich lediglich beim Ausgleichstreffer kurz bemerkbar machten. Fahnen oder ähnliches waren gar keine vorhanden.

Schlussendlch verliess ich das Stadion, enttäuscht von der Stimmung, so schnell wie möglich, um vor dem Mob Richtung U-Bahn zu gehen. Doch als ich auf der Strasse ankam, waren all die Fans schon wieder dort. Komisch. Des Rätsels Lösung präsentierte sich mir am nächsten Morgen, als ich die Zeitung “las”. Die grössten Ultrà-Gruppierungen hatten das Spiel boykottiert. Ob dies aufgrund der Tabellenlage/schlechten Leistungen geschah, konnte ich nicht rauslesen, anzunehmen ist es jedoch. Tja, wenn man vom Erfolg verwöhnt ist…

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