Chronik eines wunderbaren Tages
28.03.2010: Brasilien, Campeonato Paulista A-1, SC Corinthians Paulista – São Paulo FC 4:3 (2:1), Estádio Municipal Paulo Machado de Carvalho, São Paulo, 24557 Zuschauer
Am Sonntag war er gekommen, DER TAG. Der Tag, weswegen es sich (fussballtechnisch gesehen) lohnen sollte, meine Reise in São Paulo zu beginnen. Es war Derby-Tag. Nachdem am Samstag die SE Palmeiras besucht wurde, standen sich heute im Rahmen der Paulista A-1 die beiden anderen grossen Klubs der Stadt im „Clássico Majestoso“ gegenüber.
4 Stunden vor Spielbeginn: Ich verlasse mein Hostel, welches nur gerade 30 Gehminuten vom Stadion entfernt liegt. Der Plan sieht vor, zuerst kurz was zu essen und dann spätestens zwei Stunden vor dem Spiel beim Stadion zu sein, um mir ein Ticket zu sichern. Keinesfalls will ich den „Gringo auf dem Schwarzmarkt“-Fehler machen, und probieren auf Englisch ein Ticket zu ergattern. Abzocke wäre garantiert. An einem Kiosk kaufe ich mir noch schnell die Tageszeitung, um die letzten News rund um das Spiel zu erfahren. Den Abschnitt „Bilheteria“ lese ich besonders aufmerksam und selbst mit meinen bescheidenen Sprachkenntnissen verstehe ich, dass es beim Stadion nur bis 12 Uhr Tickets zu kaufen gibt. Aktuelle Uhrzeit: 12.15 Uhr. Es besteht allerdings keinen Grund zur Sorge, denn beim Parque São Jorge gibt es bis 1 Stunde vor Spielbeginn noch Tickets.
3 1/2 Stunden vor Spielbeginn: Essen wird verschoben und Suche nach einem Internetcafé begonnen, um den Parque São Jorge zu lokalisieren.
2 1/2 Stunden vor Spielbeginn: Ich gebe die Suche auf, Internetcafés scheinen hier nicht so bekannt zu sein. Anstatt dessen probiere ich auf anderen Informationswegen herauszufinden, wie ich zu diesem Parque São Jorge komme.
2 Stunden vor Spielbeginn: Es gibt sechs verschiedene „Parque São Jorge“ in der Stadt. Ich habe keine Ahnung, wo ich hin muss und die Leute, welche ich frage (auch Corinthians-Anhänger), auch nicht. Da entdecke ich eine Gruppe Corinthians-Fans, welche auf die U-Bahn warten, welche in die dem Stadion entgegengesetzte Richtung führt. Da diese Jungs nicht sehr vertrauenswürdig ausschauen, frage ich mal nicht nach dem Weg, sondern entschliesse mich, ihnen zu folgen. Als sie aussteigen, merken sie wohl, dass ich sie verfolgt habe (damn, hätte ich doch bloss diesen Kurs bei der AfP besucht) und bleiben stehen, so dass ich gezwungenermassen vorbei muss. Auf dem Stadtplan der U-Bahn-Station sehe ich, dass sich die Kirche São Jorge nur einige hundert Meter entfernt befindet. Na also, geht doch.
1 1/2 Stunden vor Spielbeginn: Ich sitze in der U-Bahn Richtung Stadion. Die Kirche war eine Kirche, nichts weiter. Ich muss mich also doch vor dem Stadion um Tickets bemühen und rege mich auf, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Solche Anfängerfehler sollten mir eigentlich nicht mehr passieren.
1 Stunde vor Spielbeginn: Tausende Corinthianos tummeln sich rund ums Stadion. Ticketverkäufer sind rar, Polizisten nicht. Ich beobachte die Situation und warte zu.
15 Minuten vor Spielbeginn: Ich habe mich für den fiesesten der fiesen Tricks entschieden, um nicht als Tourist aufzufallen: den Taubstummen-Trick. Mittels Zeichensprache verständige ich mich mit den Ticketdealern und bereits beim zweiten Versuch habe ich Erfolg. Ich kann zwischen einem Ticket für die Kurve für 9 Franken oder für die Tribüne für 21 Franken wählen. Ich nehme zweiteres, er will 30 Franken dafür. Deal. Erst im Stadion merke ich, dass er mir ein Kinder-Ticket verkauft hat, Erwachsene hätten das Doppelte gekostet. Mir auch recht, so hab ich sogar noch gespart.
Der Sport Club Corinthians Paulista feiert dieses Jahr sein 100jähriges Bestehen. Somit ist dies der älteste der drei grossen Klubs aus São Paulo. Die letzten paar Jahre waren ein ziemliches Auf und Ab. Zwischen 1998 und 2005 durfte Corinthians die nationalen Meistertitel 2, 3 und 4 feiern. Dazu kamen zwei Cupsiege sowie der Weltpokal im Jahre 2000. 2007 folgte dann der Schock. Nachdem man in der brasilianischen Meisterschaft von den letzten 14 Spielen nur gerade 2 gewinnen konnte (u.a. das Derby gegen den späteren Meister São Paulo), fiel man am allerletzten Tag auf einen Abstiegsplatz. Corinthians stieg erstmals ab. Der sofortige Wiederaufstieg war jedoch kein Problem, die Série B wurde mit einem Vorsprung von 17 Punkten gewonnen. 2009 folgten dann mit dem Cupsieg, sowie dem Sieg der Staatsmeisterschaft, welche bereits zum 26. Mal gewonnen wurde, zwei weitere Titel. Somit ist Corinthians Titelverteidiger in der Paulista.
Der Gegner, der São Paulo FC, ist in den letzten Jahren ebenfalls sehr erfolgreich gewesen. Die brasilianische Meisterschaft wurde von 2006-2008 gleich dreimal in Folge gewonnen und im letzten Jahr wurde man erst am zweitletzten Spieltag als Tabellenführer abgelöst. Inzwischen ist man mit sechs Meistertiteln Brasiliens Rekordmeister. Dazu kommen 3mal die Copa Libertadores (die südamerikanische Version der Champions League), der Gewinn des Weltpokals sowie 21 Titel in der Paulista, wo man in den letzten drei Jahren jedoch stets im Halbfinale scheiterte (letztes Jahr gegen den heutigen Gegner). Im Gegensatz zu Palmeiras und Corinthians ist São Paulo in der nationalen Meisterschaft auch noch nie in die Série B abgestiegen.
In der diesjährigen Ausgabe geht es für Corinthians um einiges mehr als für den Gegner. Als aktueller Meister droht das Verpassen der Halbfinals. Drei Spieltage vor Schluss liegt man auf dem sechsten Platz, zwei Punkte hinter dem Viertplatzierten. Ein Sieg ist ein Muss, will man den Anschluss nicht verlieren. São Paulo hingegen hat vier Punkte mehr auf dem Konto und liegt auf Rang 3. Mit einem Sieg könnte man wohl für die Halbfinals planen und (noch wichtiger) Corinthians rauskicken. Diese Ausgangslage verspricht viel Spannung.
Das Spiel wurde im ehrwürdigen Estádio Municipal Paulo Machado de Carvalho (im Volksmund „Pacaembu“ genannt) ausgetragen. Dort fand während der WM 1950 unter anderem das Spiel zwischen der Schweiz und dem Gastgeber statt, in dem die Schweizer gegen den späteren Vize-Weltmeister sensationell einen Punkt erringen konnten. Zu dieser Zeit betrug die Kapazität des Stadions allerdings noch mehr als die heutigen 38’000. Der Stadionrekord wurde bereits 1942, 2 Jahre nach der Eröffnung, bei der Begegnung der beiden heutigen Teams aufgestellt. Damals waren über 71’000 Personen anwesend. Das Stadion ist von aussen ein echtes Schmuckstück. Im Innenteil besteht es auf den beiden Längsseiten sowie der einen Hintertorseite aus einer durchgehenden Tribüne. Dabei befinden sich auf den Längsseiten Sitzplätze, wovon ein kleiner Teil auf der einen Seite überdacht ist. Neben dieser Haupttribüne befindet sich der Gästeblock, ebenfalls auf der Längsseite. Die zweite Hintertorseite besteht aus einer unabhängigen massiven Stehplatztribüne.
Das Spiel begann so, wie ich es mir erhofft hatte, mit einem angreifenden Heimteam. Bereits nach 15 Minuten standen für Corinthians zwei Pfostenschüsse zu Buche. Bald zahlte sich der rasante Start auch in Form von Toren aus und nach 35 Minuten stand es bereits 2:0. Gleich nach Wiederanpfiff nach dem 2:0 streckte ein Corinthians-Spieler einen Gegner mit dem Ellbogen nieder und wurde des Feldes verwiesen. Der São Paulo-Spieler wollte diese Tätlichkeit nicht auf sich sitzen lassen und sich am wegtrabenden Täter rächen. Dabei wurde er von eigenen Mitspielern festgehalten. Diese wurden ziemlich unsanft aus dem Weg geräumt, was eine weitere rote Karte zur Folge hatte und schon bestand wieder numerischer Gleichstand. 35 Minuten gespielt, 2 Pfostenschüsse, 2 Tore, 2 rote Karten. Nice.
Kurz vor dem Pausenpfiff fiel dann jedoch der nicht wirklich verdiente Anschlusstreffer São Paulos. Aber gut so, ein bisschen Spannung für Halbzeit 2. Diese begann dann mit einem Kracher. Einer der wohl unsympathischsten brasilianischen Fussballer aller Zeiten (ja, ich darf hier doch wohl meine Meinung äussern), der bald 37jährige Roberto Carlos, haute einen Freistoss in die Maschen wie in guten, alten Zeiten. Roberto Carlos war dann auch der beste Spieler auf dem Platz. Trotzdem war der Starspieler bei Corinthians natürlich ein anderer: Ronaldo. Dass der überhaupt noch auflaufen darf, geschweige denn sich „Profi“ nennt, ist fast schon eine Frechheit gegenüber seinen Mitspielern. Der einst weltbeste Stürmer hat inzwischen ca. das Gewicht und die Figur des grössten Burim-Kukeli-Fans auf Erden, die Schnelligkeit von Gerry Seoane in 5 Jahren und die Laufbereitschaft von Nenad Savic zu seiner Zeit beim FCL. Aber er ist halt immer noch Ronaldo. Nach dem 3:1 jedenfalls passte sich das Niveau des Spiels mehr und mehr dem Niveau Ronaldos an, was nichts Gutes heissen sollte. Das einzige was in dieser Phase stärker wurde, war der Regen, welcher inzwischen wellingtonartige Ausmasse angenommen hatte. Als das Spiel fast schon langweilig wurde, erzielte der São Paulo FC eine Viertelstunde vor Schluss den Anschlusstreffer. Knappe zehn Minuten später kam es für Corinthians noch schlimmer, als der Ausgleich fiel. Corinthians musste gewinnen und die reguläre Spielzeit dauerte noch sieben Minuten. Diese waren bereits vorbei, als das Heimteam noch einen letzten verzweifelten Angriff startete, doch die Flanke fand in der Mitte keinen Abnehmer. Moment, halt, doch, da steht ein São Paulo-Spieler der klären will und so mit einem wunderschönen Kopfball den Siegtreffer für die Gegner erzielt. Corinthians siegt 4:3. Was für ein Spiel…
Beim heutigen Spiel waren knapp 25’000 Zuschauer anwesend. Vor allem auf der Haupttribüne blieben viele Plätze leer. Der Gästeblock hingegen war mit schätzungsweise 2000 Leuten rappelvoll. Die Stimmung im Stadion lebte natürlich mit dem Spiel. Optisch waren vor allem die riesigen Blockfahnen auf der Heimseite auffallend, für die grösste davon brauchte es mehr als 50 Leute, um sie ins Stadion zu tragen. Nach dem Siegtreffer waren vereinzelt auch Fackeln auszumachen, jedoch nix Spektakuläres. Auf der Gästeseite ein paar Zaunfahnen, aber mehr hatte ich eigentlich auch nicht erwartet. Die São Paulo-Fans waren dann am lautesten, wenn der Corinthians-Support bisschen abflachte. Diese Versuche, die Heimsupporter zu übertonen, wurden aber jeweils sofort mit einem Pfeifkonzert des ganzen Stadions unterbunden. Dennoch verdienen die Gästefans Respekt, war doch ganz ordentlich, was sie rüberbrachten (natürlich habe ich noch absolut keinen Vergleich im südamerikanischen Fussball, aber für europäische Verhältnisse wäre das Top-Support gewesen). Einzig in der Phase nach dem 3:1 war ihnen die Unzufriedenheit anzumerken. Die Heimsupporter lebten eine phantastische Stimmung. Leider war ich nicht ganz optimal positioniert, um den Block ganz im Auge zu haben. Ich hatte meinen Platz vis-à-vis der Haupttribüne und des Gästeblocks auf der ungedeckten Sitzplatztribüne (auf der natürlich trotzdem alle gestanden sind), die Corinthianos haben die Kurve eingenommen und befinden sich so quasi neben mir. Dies merkte man auch gut, wurde jeweils auch hinter/vor/neben mir gehüpft und gesungen was das Zeug hielt. Die Torjubel waren jeweils unglaublich. Vor allem das 4:3 war unbeschreiblich, wurde ich da doch von alle Seiten umarmt und behüpft und abgeklatscht so fest es nur ging. Fussball auf Brasilianisch und ich mittendrin.
Absolut durchnässt und dennoch glücklich, machte ich mich auf dem Weg zurück zum Hostel. Dabei wurde ich auch noch Zeuge, dass die brasilianischen Polizisten im Gegensatz zu ihren Kollegen aus der Schweiz die Schlagstöcke nicht nur zur Verzierung benutzen. Ich wusste doch, dass für ein richtiges Derby noch was fehlt…












wow, yeah, geil, mein gott 🙂
hast ja gut den hanswurst gemacht beim ticketdealen.
und da du dich beklagt hast, dass du keine kommentare kriegst…
hey zwiller, geile spiele siehst du da, aber so sms mitten in der nacht. nee das muss net sein… danke
So geil… aber das mit dem ticket. hehe fiees.
philipp philipp…gewohnt fies, aber ich mag den bericht (und den trick)!
und übrigens: ich hab mich heut morgen sehr über dein sms gefreut und möchte dir auf diesem weg zum neuen lp gratulieren!
bis bald, busserl
sehr, sehr geil!!!
eine meine lieblingsstellen ist nun im fclforum zu finden, eine weitere zitiere ich hier: „(damn, hätte ich doch bloss diesen Kurs bei der AfP besucht)“
viel spass noch!
verdammt, wer hat mir das „r“ geklaut? elende buchstaben-diebe, literatur-gesindel!!!