Hochmut kommt vor dem Fall

31.03.2010: Brasilien, Copa do Brasil, Coritiba FC – Avaí FC 0:1 (0:0), Estádio Major Antônio Couto Pereira, Curitiba, 8748 Zuschauer

Dass unter der Woche die Sechzehntelfinals des Copa do Brasil ausgetragen wurden, kam mir ziemlich gelegen. Dass zusätzlich die beiden grossen Teams aus Curitiba zuhause antreten konnten, war umso besser. Dass diese Heimspiele an unterschiedlichen Tagen stattfanden, war natürlich perfekt.

So machte ich mich an meinem ersten Abend in Curitiba auf Richtung Estádio Major Antônio Couto Pereira, wo das Spiel zwischen dem Coritiba FC und dem Avaí FC auf dem Programm stand. Da man sich in Brasilien auch via Cup für die Copa Libertadores qualifizieren kann, ist dies eine gute Chance für „schwächere“ Teams sich diese Teilnahme zu sichern, umso mehr da die Teams welche jeweils in der aktuellen Saison an der Copa Libertadores teilnehmen vom Cup ausgeschlossen sind. Der Cup wird in Brasilien mit Hin- und Rückspiel ausgetragen. Eine Ausnahme gibt es (bis und mit 1/16-Finale) dann, wenn das Auswärtsteam im ersten Spiel mit mindestens zwei Toren Differenz gewinnt. Dann entfällt das Rückspiel und das siegreiche Team ist automatisch für die nächste Runde qualifiziert. Da das Hinspiel zwischen Avaí und Coritiba mit einem 1:1 endete, fand das Rückspiel statt und dieses Resultat war die perfekte Ausgangslage für ein spannendes Rückspiel.

Der Coritiba FC hat eine schlechte Saison hinter sich, in der man als 17. der landesweiten Série A knapp abgestiegen ist. Dabei lag man 3 Spieltage vor Schluss noch auf Platz 13 mit 5 Punkten Vorsprung vor den Abstiegsplätzen. Nun bestreiten die grün-weissen also die nächste Saison wieder nur in der zweithöchsten Liga, nachdem man erst 2007 wieder in die Série A aufgestiegen ist. In der Geschichte der brasilianischen Meisterschaft war Coritiba jedoch mehrheitlich in der Série A anzutreffen, was 1985 sogar mit dem bisher einzigen Meistertitel endete. Staatsmeisterschaften hingegen durfte Coritiba einige feiern. Mit 33 Titeln und 19 Vize-Meisterschaften ist man absoluter Rekordhalter im Staate Paraná, den letzten Titel konnte man im Jahre 2008 erreichen.

Der Gegner Avaí aus Florianópolis ist eigentlich ein typsicher Série-B-Klub. 2008 gelang aber der Aufstieg in die Série A und so durfte man letztes Jahr nach 30 Jahren erstmals wieder in der höchsten nationalen Liga mitspielen. Im Staat Santa Catarina ist die Konkurrenz weniger gross und so konnte man die „Campeonato Catarinense“ bereits 14mal gewinnen und ist aktueller Titelhalter. Ärgerlich ist für die Fans des Avaí FC, dass der Erzfeind und Stadtrivale Figueirense den Titel in den letzten zehn Jahren 6mal gewinnen konnte (Avaí war zuvor seit 1997 titellos) und aktuell mit 15 Titeln Rekordmeister ist.

Das Estádio Major Antônio Couto Pereira wurde vor fast 80 Jahren gebaut. Es besteht auf drei Seiten durchgehend aus zwei Rängen, wobei hinter den Toren jeweils noch ein dritter Rang hinzukommt. Auf der einen Längsseite wurde eine neue Tribüne gebaut, welche nun die Haupttribüne markiert. Die ursprünglichen Tribünen wurden auf der Längsseite sowie zur Hälfte hinter dem einen Tor bestuhlt. Die andere Hälfte bildet den Stehplatz-Gästeblock und hinter dem gegenüberliegenden Tor supporten die Heimfans. Heute bietet der Oldschool-Ground noch Platz für 37’200 Zuschauer, der Rekord liegt aber bei über 67’000 Personen.

Das Spiel war einmal mehr nicht von höchstem Niveau, aber wenn ich an die beiden Spiele denke, welche ich kürzlich in Sion und Emmenbrücke miterlebt habe, war dies zumindest nicht schlechter. Coritiba war von Beginn weg ziemlich überlegen und Avaí wartete eigentlich nur auf Konterchancen. Richtig gefährlich wurde es aber in Halbzeit 1 auf beiden Seiten nicht. In der 2. Halbzeit konnte dann Avaí eine der wenigen Chancen nutzen und das 0:1 erzielen. Jetzt war Coritiba natürlich gefordert und siehe da, plötzlich wurde auch ansehnlicher Fussball gespielt. Nur das Tor wollte nicht fallen, obwohl es längst verdient gewesen wäre. In der Nachspielzeit hatte dann der Schiedsrichter wohl auch ein bisschen Mitleid, oder er wollte einfach noch bisschen länger dieses Spiel geniessen. Ohne jeglichen erkenntlichen Grund (zumindest aus meiner Sicht, ich kann mich natürlich auch täuschen) pfeifte er einen Penalty für das Heimteam. Somit hatte man in der 94. Minute die Chance zum Ausgleich, was dann wohl zur Verlängerung geführt hätte (ich weiss es nicht, aber nehme es mal an). Der Schütze war dann von der Marke supercool und bremste vor dem Ball lässig ab, vergass dabei aber zu schiessen. Depp. Aus dem Stand brachte er dann nur noch einen mehr oder weniger geglückten „Rückpass“ zu Stande, welcher zu allem Unglück auch noch an den Pfosten kullerte. Herrlich, diese Szene als Video immer und immer wieder anzuschauen. Ganz nach dem Motto: Hochmut kommt vor dem Fall. Nach dem Penalty war das Spiel zu Ende und Avaí gewann, etwas glücklich, mit 0:1. Schade, die Verlängerung wäre wohl top geworden.

Von den Auswärtssupportern war nicht viel zu erwarten. Wie auch, wenn das Spiel an einem Mittwoch um 21.50 Uhr angepfiffen wird. Trotzdem wurden bereits vor dem Spiel ein paar Avai-Supporter (ich mag es Avai, away, oder was) gesichtet. Insgesamt waren dann ca. 150 Leute im Gästeblock, welche eigentlich nur beim Tor wahrgenommen wurden.

Beim Heimteam war die Stimmung von Beginn weg sehr gut. Die Fans hatten sich direkt hinter dem Tor eingefunden und in den ersten paar Minuten des Spiels brennten hunderte von Fackeln. So konnte man sich wenigstens bisschen vom Spiel ablenken. Auch auf der Seite, auf der ich mich befand, wurde ab und zu mitgesungen und so huschte auch mir das eine oder andere Mal ein „Ooooeh, ooooah, Cori – tiba“ über die Lippen. Nach dem 0:1 waren dann auf meiner Seite mehr Fluchwörter als was anderes zu hören. Unglaublich, wie die Spieler hier in Brasilien bei jeder missratenen Flanke oder sogar bei schlechten Einwürfen als Hurensöhne, Bastarde, etc. bezeichnet werden. Nicht nett. Denke nicht, dass Dave Zibung je in diese Liga wechseln kann. Als die Mannschaft dann in der Nachspielzeit den Penalty zugesprochen bekam, war das ganze Stadion am toben, als hätte man soeben die Meisterschaft gewonnen. Wie war das nochmals? Genau: Hochmut kommt vor dem Fall. Wenige Minuten später flogen mir die rausgerissenen Sitzschalen um die Ohren und während die Heimfans ihr Stadion auseinandernahmen, begab ich mich auf den Heimweg.

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