Ni-wo?
07.04.2010: Argentinien, Primera División, CA River Plate – CA Newell’s Old Boys 0:1 (0:0), Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti, Buenos Aires, 25000 Zuschauer
Bereits lange im Voraus wurde der argentinische Spielplan konsultiert, um nachzuschauen, ob es sowohl für ein Spiel von River Plate als auch für eines von Boca Juniors reichen würde. Da eine englische Woche angesetzt war, standen die Chancen nicht schlecht. Dennoch wusste ich lange Zeit nicht, ob es klappt, denn die genauen Ansetzungen werden jeweils erst eine Woche vor den jeweiligen Runden bekannt gegeben. Schlussendlich wurde das Heimspiel von River für Mittwoch, 19 Uhr angesetzt, mein Flugzeug sollte um 14 Uhr in Buenos Aires landen. Perfekt.
Ohne Verspätung landete ich an diesem Mittwoch in der argentinischen Hauptstadt und da die Shuttlebusse zu den Unterkünften im Zentrum zweimal stündlich fahren, war ich knappe drei Stunden vor Spielbeginn im Hostel. Beim Einchecken wurde dann auch gleich das Plakat mit allen Fussball-Touren der Woche (jawohl, ich habe extra ein Hostel gewählt, welches Touren zu Spielen anbietet) gesichtet. Der Pick-Up für das River Plate-Spiel war 3 1/2 Stunden vor Anpfiff, wurde also um 30 Minuten verpasst. Kein Problem, denn das Stadion liegt ziemlich zentral und das Taxi sollte somit nicht zu teuer sein. Noch während des Eincheckens kam dann ein Typ mit einer Liste an die Reception, welcher irgendwas von „Futbol“ und „River Plate“ schwafelte. Ohne lange zu zögern fragte ich, ob es noch möglich sei, mich der Tour anzuschliessen und wieviel das ganze kosten würde. Umgerechnet 55 Franken. Ein Telefonat später war mein Ticket reserviert. Schnell mein Gepäck im Zimmer verstaut und los ging’s. Eigentlich hatte ich das Hostel mit den Tour-Angeboten eher wegen des Boca-Spiels gewählt, aber der Preis schien mir fair und so musste ich mich nicht um den Transport zum Stadion und um Tickets kümmern.
Nebst mir waren von meinem Hostel noch drei Norweger mit dabei, welche sich ziemlich schnell als Vollhorste rausstellten. Nein, man kann keine Anderthalb-Liter-Mineralwasser-Flaschen mit ins Stadion nehmen… Glücklicherweise gesellten sich zwei Stationen später drei Niederländer zu mir, zwei davon PSV-Supporter. So vertrieb man die Zeit bis zum Stadion mit Diskussionen über die bevorstehende WM, über Johan Vonlanthen, Johann Vogel, Blaise N’Kufo und so weiter. Beim Stadion angekommen trennte sich dann die Gruppe, in meinem Preis war natürlich nur ein Stehplatz inbegriffen. Dass der Originalpreis des Tickets allerdings lediglich bei umgerechnet 8 Franken liegt, das hätte ich nicht gedacht…
Vor dem Stadion dann der erste Schockmoment: Bei der Polizei-Kontrolle schlug ich einem River-Supporter neben mir (natürlich unabsichtlich) die Faust ins Gesicht. Dummerweise fiel mir in diesem Moment nichts besseres ein als „I’m sorry“, was mich auch noch als Tourist entlarvte. Er hatte es aber anscheinend ziemlich eilig und beliess es bei ein paar Kraftausdrücken. Inmitten des ganzen Fan-Mobs drückten wir uns Richtung River-Kurve. Bei der vierten Eingangskontrolle wurde uns dann mitgeteilt, dass die Tickets nicht für diesen Sektor gültig wären… Den ganzen Weg zurück und ich fragte mich, wieso ich jetzt genau eine Tour buchen muss, um vor dem falschen Eingang zu stehen. Hätte ich wohl auch alleine fertig gebracht.
Schlussendlich machten wir es uns im Sektor gleich neben den River-Fans gemütlich. Unser Reiseleiter Sebastian stellte sich als River-Fan heraus und persönlich glaube ich, dass er einfach in der Kurve stehen wollte und darum uns zum falschen Eingang führte. Auf jeden Fall war er dann das ganze Spiel über der fanatischste im ganzen Sektor.
Der CA River Plate ist einer der ältesten, beliebtesten und erfolgreichsten Fussballklubs in Argentinien. Seit der Einführung der professionellen Meisterschaft im Jahre 1931 spielte River stets in der Primera Division und konnte dabei bereits 33 Meistertitel feiern (25mal wurde man Vizemeister), dazu gewann man zweimal die Copa Libertadores sowie einmal den Weltpokal. Aktuell sieht es für River Plate allerdings nicht sehr gut aus. Nachdem man in der Rückrunde 2007/08 noch Meister wurde (in Argentinien werden Hin- und Rückrunde als separate Meisterschaften ausgetragen, es gibt pro Saison also zwei Meister), gab es seither lediglich einen 20. (letzten!), 8. und 14. Rang. Mit 12 Punkten aus ebensovielen Spielen lag man vor dieser Partie auf dem 16. Rang. Nebst der geteilten Meisterschaft ist die „Abstiegstabelle“ eine weitere Spezialität der Argentinier. Am Ende der Saison steigen nicht etwa die schlechtesten Mannschaften des aktuellen Jahres ab, sondern die beiden Mannschaften, welche in den vergangenen drei Saisons im Schnitt am wenigsten Punkte pro Spiel geholt haben. Rang 17 und 18 der sogenannten „Abstiegstabelle“ bestreiten Entscheidungsspiele gegen zwei Teams aus der zweithöchsten Liga. Da River Plate im Meisterjahr 2007/08 viele Punkte holte, ist man im Moment nicht abstiegsgefährdet. Nächste Saison jedoch fallen diese Punkte weg und River würde so aktuell auf einem Abstiegsrang stehen. Eine Katastrophe. Da gegen vorne in der Tabelle nichts mehr geht und man dieses Jahr noch nicht absteigen kann, spielt man also jetzt bereits gegen den Abstieg nächste Saison.
Der heutige Gegner, CA Newell’s Old Boys, stammt aus der 300 Kilometer entfernten Stadt Rosario. Seit 1964 spielt man ununterbrochen in der Primera Division und konnte dabei 5 Meistertitel erringen, zuletzt 2004. In der Hinrunde hat man mit einer Niederlage im letzten Spiel den sechsten Meistertitel vergeben. Aktuell steht man drei Ränge vor River im Niemandsland der Tabelle.
Das Spiel fand im Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti statt, welches das grösste Stadion und somit auch Nationalstadion Argentiniens ist. Das Stadion mit seiner bekannten runden Form besteht aus drei Rängen, welche alle unüberdacht sind. Das Fussballfeld wird von einer Leichtathletikbahn umgeben, daher sind die Zuschauer ziemlich weit vom Feld entfernt. Heute hat das Stadion noch eine Kapazität von 66’000 Zuschauern, während der WM 1978, als sowohl Eröffnungsspiel wie auch Finale in diesem Stadion gespielt wurden, durften allerdings noch mehr als 70’000 Personen den Spielen beiwohnen.
Das Spiel selbst war dann ein absoluter Grottenkick. Hier ein Trick, da ein Trick, aber von Tempo und genauen Pässen war überhaupt nichts zu sehen. Kam es dann ausnahmsweise mal zu einer Torchance, wurde die meist kläglich vergeben. So überraschte es nicht, dass es zur Pause noch 0:0 stand und ich war mit meinen holländischen Kollegen einig, dass der PSV keine Mühe haben würde gegen diese Mannschaften zu gewinnen. Im Gegenzug stimmten sie mir zu, dass der FCL hier oben mitspielen würde. Naja, vielleicht war das zu euphorisch. Aber immer wieder fragten wir uns: „Ni-wo?“ Ok, ich habs probiert, dieses Wortspiel funktioniert nicht in der englischen Sprache. Kurz nach der Pause entstand dann auf glückliche und kuriose Art der Führungstreffer für die Gäste, welcher sowohl das einzige Tor als auch das einzige Highlight des Spiels bleiben sollte.
Am Meisten war ich jedoch bei diesem Spiel nicht auf das Gezeigte auf dem Platz gespannt, sondern natürlich auf die Stimmung. Was hat man nicht schon alles gehört über die Stimmung in den argentinischen Stadien. Ist es wirklich so toll? Da wir gleich neben der Heimkurve standen, welche sich im Oberrang hinter dem Tor befindet, hörten wir die River-Fans natürlich besonders gut. Ab und an wurde es gut laut und bei einigen Liedern (deren Melodien für uns Europäer nicht unbekannt sind) sangen auch die Sektoren daneben mit. Alles in allem war es aber wohl lediglich durchschnittlich, was natürlich auch daran lag, dass das Stadion nicht mal zur Hälfte gefüllt war.
Das lag natürlich auch daran, dass der Gegner nicht aus Buenos Aires stammte und der Gästeblock bei weitem nicht gefüllt war. An einem Mittwoch Abend, wenn es in der Meisterschaft um nichts mehr geht, was soll man erwarten? Schlussendlich befanden sich ca. 1000 Personen im Block, welche über 90 Minuten Stimmung machten. Da sich dieser Block jedoch genau auf der gegenüberliegenden Seite befand, und diese Entfernung aufgrund der Leichtathletikanlage nochmal grösser ist, als in einem reinen Fussballstadion, hörte man die Newell’s-Fans eigentlich nur beim Führungstor so richtig.
Schlussendlich war das Spiel zwar absolut übel, aber es hätte sicherlich schlechteres gegeben für den Länderpunkt.





