Wer zu spät kommt…
08.04.2010: Argentinien, Primera División, CA Vélez Sarsfield – Club Estudiantes de La Plata 0:1 (0:1), Estadio José Amalfitani, Buenos Aires, 15000 Zuschauer
Heute Donnerstag hatte ich das Glück, dass ich zwei Spiele besuchen konnte. Dies war der Fall, da die Partie zwischen Veléz Sarsfield und Estudiantes bereits um 17 Uhr angepfiffen wurde. Leider hatte ich ausser Acht gelassen, dass dies die Zeit ist, in der die Strassen dank des Feierabendverkehrs nicht unbedingt leer sein dürften. Die knapp 15 Kilometer lange Fahrt mit dem Taxi dauerte 45 Minuten und so war ich erst gegen 17.15 Uhr beim Stadion.
Die heutige Partie war das Topspiel der Runde. Das Heimteam liegt aktuell auf dem 5. Tabellenrang, die Gäste aus La Plata sind einen Rang besser klassiert. Bei einem Sieg heute haben beide Teams noch reelle Chancen, den Meistertitel zu holen.
Vélez wurde 1910 gegründet und feiert somit dieses Jahr den hundertsten Geburtstag. Die Mitglieder des Klubs waren zu Beginn vor allem italienische Immigranten und so wurden die Farben der italienischen Flagge zu den Klubfarben. Seit 1944 spielt Vélez ununterbrochen in der Primera División und holte in dieser Zeit sieben Meistertitel. Die Sternstunde des Klubs war sicherlich im Jahre ’94 als man sowohl die Copa Libertadores als auch den Weltpokal, dank eines 2:0-Sieges gegen die AC Milan, gewinnen konnte. Die 90er Jahre, mit vier nationalen Meistertiteln und fünf internationalen Titeln die mit Abstand erfolgreichste Dekade der Klubgeschichte, waren auch die Jahre des wohl bekanntesten Spielers, welcher in den letzten zwanzig Jahren das Trikot von Vélez trug: José Luis Félix Chilavert Gonzalez. Der Torhüter aus Paraguay spielte in der Zeit von 1991-2000 für den Klub, erzielte dabei 48 Tore und wurde 1999 der erste Torhüter in der Geschichte des professionellen Fussballs, welcher einen Hattrick erzielte. Diese Zeiten sind zwar vorbei, doch auch in der jüngsten Vergangenheit hat Vélez akzeptable Resultate erspielt, die letzten 12 Meisterschaften konnte man stets in den Top 10 abschliessen (inkl. 2 Meistertiteln im Jahre 2005 und 2009).
Die besten Jahre des Gegners aus dem 70 km entfernten La Plata liegen schon ein bisschen länger zurück. In den Jahren 1968-1970 konnte man dreimal in Folge die Copa Libertadores gewinnen, dazu einmal den Weltpokal. Danach folgte international eine lange Durststrecke, ehe man die letztjährige Ausgabe der Copa Libertadores gewinnen konnte. So qualifizierte man sich für die Klub-Weltmeisterschaft im Dezember 2009, in deren Finale man aber dem FC Barcelona in der Verlängerung mit 1:2 unterlag, nachdem man bis zur 88. Minute noch geführt hatte. National gesehen ist Estudiantes ein fester Wert in der Primera División; seit Gründung der Profiliga im Jahre 1931 spielte man lediglich zwei Saisons in der zweithöchsten Spielklasse, welche beide mit dem sofortigen Wiederaufstieg verbunden waren. Insgesamt hat man vier Meistertitel geholt, den letzten im Jahre 2006.
Das Spiel wurde im Stadion José Amalfitani ausgetragen, einem der grössten Stadien in Argentinien, welches Platz bietet für knapp 50’000 Zuschauer. Hier werden jeweils auch die wichtigsten Spiele der argentinischen Rugby-Nationalmannschaft ausgetragen. Das Stadion wurde anfangs der 50er Jahre gebaut und besteht hinter den Toren aus riesigen Stehplatztribünen für jeweils 15’000 Leute. Auf den Seiten bestand das Stadion erst ebenfalls aus einem Rang. Diese Tribünen wurden jedoch für die WM 1978 um einen weiteren Rang ausgebaut. Dieser zweite Rang passt äusserlich überhaupt nicht zum Stadionbild und somit ist der Anblick ein wenig gewöhnungsbedürftig. Alles in allem jedoch ein sehr nettes Stadion.
Da ich keine Zeit hatte, alle Kassen abzuklappern, kaufte ich mein Ticket gleich dort, wo der Taxifahrer mich abgeladen hatte. Diese Kategorie kostete mich umgerechnet acht Franken und hatte für den Stehplatzbereich hinter dem Tor Gültigkeit; dies war der Heimsektor von Vélez. Ich hatte ein mulmiges Gefühl und wollte mich eigentlich nicht unter den Pöbel mischen, doch der Versuch mit dem Ticket auf die seitliche Tribüne zu gelangen, misslang, auch wenn ich den Nixchecker mimte. Als ich mich dann im Heimsektor niederliess, waren alle Sorgen verflogen, denn der Block war nur gerade zur Hälfte gefüllt. Zur selben Zeit wie ich das Stadion betrat, wurde der Anstoss ausgeführt. Ich befürchtete bereits, dass es aufgrund meiner Verspätung nicht der Spielbeginn sein würde, sondern, dass ich wohl eher ein Tor verpasst habe. Tja, wer zu spät kommt… Als dann aber genau 45 Minuten später zur Halbzeit gepfiffen wurde, waren diese Befürchtungen verflogen. Verspäteter Spielbeginn ist in Argentinien so üblich.
Die ersten 45 Minuten waren nicht sehr prickelnd, im Zentrum des Spiels stand Altmeister Juan Sebastián Verón. Der Kapitän von Estudiantes La Plata welcher vor drei Jahren zu seinem Stammklub, bei welchem er vor 15 Jahren den Durchbruch geschafft und so den Grundstein für seine spätere Karriere in Europa gelegt hat, zurückgekehrt ist, wurde vom Referee bereits nach 30 Minuten mittels Ampelkarte vom Platz gestellt. Zu Beginn der zweiten Halbzeit war der numerische Vorteil dann zu sehen und Vélez kam zu einigen Chancen. Estudiantes hingegen machte den Eindruck, dass man, in Unterzahl spielend, mit dem einen Punkt zufrieden ist. Verständlich. Nach 65 Minuten war der Vorteil für Veléz dahin, als der Schiri das laufende Spiel unterbrach und einem Spieler der Heimmannschaft, welcher wohl etwas unschönes zum Schiri gesagt hatte, die rote Karte zeigte. Estudiantes machte weiterhin nicht den Anschein als wolle man gewinnen, anders sind die ewigen Spielverzögerungen und das lästige Simulieren nicht zu erklären. Vélez seinerseits bemühte sich zwar, aber es kam nichts Gescheites dabei heraus. Fünf Minuten vor Spielschluss verliess ich das Stadion, um die Blocksperre zu umgehen, da ich am selben Abend noch das Racing-Spiel in Avellaneda besuchen wollte. Leider war ich bereits zu spät und alles war von Polizisten abgeriegelt, da half auch meine ich-verstehe-nichts-Touristenmasche nicht. Ein paar (anscheinend wichtige) Leute wurde dann aber durchgelassen, ich schmuggelte mich dazwischen und rannte davon. Geschafft. Unerklärlicherweise nahm ich dann aber nicht ein Taxi zurück Richtung Stadt, respektive Avellaneda, was eigentlich das Ziel der ganzen Aktion gewesen wäre, sondern steuerte auf eine Bar vis-à-vis des Stadions zu. Dort sah ich im TV eben noch das Schlussresultat von 0:1. Am nächsten Morgen erfuhr ich per Zeitung, dass Estudiantes bereits nach 3 Minuten den (irregulären) Führungs- und Siegtreffer erzielt hatte. Wie gesagt, wenn man zu spät kommt…
Da ich im Block stand, konnte ich die Stimmung hautnah miterleben. Die Erwartungen waren gross, hat doch Vélez angeblich eine der grössten Fanbasen Argentiniens. Dass der Block dann so schlecht gefüllt war, begründete ich damit, dass 17 Uhr unter der Woche halt nicht unbedingt die optimale Anspielzeit ist. Doch die fünf- bis siebentausend Leute hinterliessen auch stimmungsmässig keinen guten Eindruck. Dies ging soweit, dass viele Leute auf der Stehplatztribüne während des Spiels sassen. Wurden dann aber Hassgesänge gegen den Gegner angestimmt, erhebten sich praktisch alle, auch jene auf der Haupttribüne (!) und sangen und fluchten so laut sie konnten. Manchmal wäre es von Vorteil, wenn man die Sprache versteht.
Genau auf der gegenüberliegenden Seite von mir befand sich der Gästeblock, welcher mit ca. 2’000 Leuten ziemlich gut gefüllt war. Die Estudiantes-Fans machten ihren Job recht gut und supporteten um einiges lauter als die Leute auf meiner Seite. Wenn die ganze Kurve im Takt hüpfte und ihren Schlachtruf zum Besten gab, war das doch sehr imposant. Ganz klar: Estudiantes hat das Spiel auf dem Platz und auf den Rängen gewonnen.





