Ein Abend im Family Corner
08.04.2010: Argentinien, Primera División, Racing Club Asociación Civil – Club Deportivo Godoy Cruz Antonio Tomba 0:0, Estadio Juan Domingo Perón, Avellaneda, 22000 Zuschauer
Nachdem man sich in der Bar vis-à-vis des Vélez-Stadions ein Bier gegönnt hatte, ging es per Taxi zurück Richtung Innenstadt und nach der Inanspruchnahme eines Bankautomaten sogleich weiter in den Vorort Avellaneda, welcher ca. 5 Kilometer südlich von Buenos Aires liegt. Dort sollte um 21 Uhr das Primera-División-Spiel zwischen Racing und Godoy Cruz stattfinden.
Racing ist einer der Klubs, welcher zu den „grossen fünf“ in Argentinien gehört, und gemäss Umfragen der viertbeliebteste Klub im Lande. In den Anfangszeiten dominierte man den nationalen Fussball nach Belieben und gewann von 1913-1919 sieben Mal in Folge die Meisterschaft. Dies war allerdings noch vor Einführung der Profiliga. In dieser hatte man allerdings auch seine Erfolge und holte in den Jahren 1949-1966 sechs Meistertitel. Ein Jahr nach dem sechsten Meistertitel folgte der Gewinn der Copa Libertadores und man konnte als erste argentinische Mannschaft überhaupt den Weltpokal gewinnen. Das Final-Rückspiel gegen Celtic Glasgow fand in Avellaneda vor 120’000 Zuschauern statt. Seither ist die Geschichte von Racing eher von Misserfolgen geprägt, zu welchen ein kurzzeitiger Abstieg in die zweithöchste Spielklasse sowie ein Konkurs gehört. Dem gegenüber steht in den letzten vierzig Jahren lediglich noch ein Meistertitel, derjenige im Jahre 2001.
Der Club Deportivo Godoy Cruz Antonio Tomba stammt aus der Stadt Mendoza, welche vor allem für ihre Weine bekannt ist. Der grösste Teil der Klubgeschichte verbrachte Godoy Cruz in regionalen Ligen, erst im Jahre 1994 stieg man erstmals in die zweithöchste Division auf. 12 Jahre später wurde dann der Aufstieg in die höchste Spielklasse Tatsache. Nach nur einer Saison stieg man aber bereits wieder ab, doch 2008 schaffte man den sofortigen Wiederaufstieg und dieses Mal konnte man sich auch behaupten.
Dies ist also erst die dritte Saison von Godoy Cruz in der Primera División überhaupt, doch könnte es eine werden, die man nicht so schnell vergisst. Vor dem Spiel liegt Godoy Cruz nämlich auf dem ausgezeichneten zweiten Rang, nur drei Punkte hinter Tabellenführer Independiente. Für Racing hingegen sieht es nicht so gut aus, es steht lediglich der vierzehnte Tabellenrang zu Buche. Noch schlimmer ist jedoch der Fakt, dass man aufgrund der schlechten Platzierungen der letzten Jahre auch in der Abstiegstabelle nur noch auf Rang 16 steht. Sollte man in dieser Tabelle noch nach hinten rutschen, hiesse das, dass man die Abstiegs-Playoffs bestreiten müsste. Keine guten Aussichten für den Traditionsverein.
Immerhin hiess das auch, dass es für beide Teams ein wichtiges Spiel ist. Dieses wurde im Estadio Juan Domingo Perón ausgetragen. Die Form des Stadions erinnert an das Stadion von River doch glücklicherweise hat es hier keine Laufbahn rund um das Spielfeld. Das Stadion mit seiner runden Form besteht durchgehend aus zwei Rängen, der Oberrang überdacht. Die jeweiligen Fanblocks wie gehabt hinter den Toren auf den Stehplätzen, dieses Mal jedoch beide Blocks im Unterrang. Da das Stadion ziemlich genau ein Kreis ist und das Spielfeld natürlich länger denn breit, ist man hinter den Toren viel näher beim Feld als in der Mitte der jeweiligen Längsseite des Stadions. War das jetzt kompliziert? Egal. Fazit: Das Stadion gefällt mir unglaublich gut, keine Ahnung wieso, ist wohl das „gewisse etwas“.
Das Spiel führte die Serie schlechter Spiele in Argentinien fort. Der erste Aufreger in der 8. Minute als ein Knaller genau neben dem Linienrichter explodierte. Dieser zeigte sich jedoch unbeeindruckt. Das war dann eigentlich auch schon das „Highlight“ des Spiels, wenn man das so nennen darf. In der ersten Halbzeit stürmte Racing noch an, kam aber trotz vieler Chancen nicht wirklich fort. In der zweiten Halbzeit zollten sie dem hohen Tempo der ersten 45 Minuten Tribut und konnten den Sturmlauf nicht wirklich fortsetzen. Mendoza spielte überhaupt nicht wie ein Meisterkandidat und konnte mit dem Punkt schlussendlich recht zufrieden sein, zumal Racing noch einen Lattenknaller zu verbuchen hatte.
Stimmungsmässig war das Spiel erstmals das, was ich mir von Argentinen erwartet hatte. Da ich wiederum sehr knapp zum Stadion kam, konnte ich mich nicht wirklich damit auseinandersetzen, in welchem Sektor ich ein Ticket kaufen sollte. Die zweitbilligste Stehplatzkategorie erwies sich jedoch als völlig ok. Ich war an der Längsseite des Stadions platziert, weit ab von den Hardcore-Fans in einer Art Familien- und Kuschelecke. Jungs mit ihren Freundinnen und Familien mit ihren Kindern sowie ein paar Polizisten machten sich in dem überhaupt nicht gefüllten Sektor breit. Ich war also nicht inmitten des Pöbels doch trotzdem bei den Racing-Fans. Der Godoy Cruz-Fanblock befand sich hinter dem Tor nahe bei uns, der Racing-Fanblock hinter dem anderen Tor. Trotzdem hörte man praktisch während des ganzen Spiels nur die Racing-Fans. Besonders imposant wurde es dann, wenn die ganze Kurve zu hüpfen begann und das Beben des Stadions bis auf unsere Seite zu spüren war. Aus Mendoza waren ein paar hundert Leute angereist, was eigentlich enttäuschend ist, steht man doch auf dem hervorragenden zweiten Tabellenplatz und hätte bei einem Sieg kurzzeitig sogar die Spitze übernehmen können. Die Stimmung der Godoy Cruz-Fans war ordentlich, mehr aber auch nicht.
Fazit: Racing überzeugte vollends. Wie wäre die Stimmung wohl in einem Derby gegen den Erzfeind Independiente? Unvorstellbar…
Ja, wie wäre ächt die Stimmung beim Derby…