No Korean, I Switzerland
6 12 2009Mitten in eine Hochzeit zu platzen, dieses Vergnügen hatte ich vor knapp vier Jahren in Australien, als ich mir eine hübsche Kappelle von innen ansehen wollte. Dass aber eine Hochzeitsgesellschaft mitten in mein Abendessen platzt, das ist mir noch nie passiert. So geschehen am Abend meines Ankunftstages, als ich im Hotelrestaurant gemütlich meine Suppe schlürfte (endlich mal ein Ort, an dem man die Suppe richtig schlürfen darf – wäre für Junior wohl das Paradies hier). Plötzlich erhebt sich der ganze Saal und die Serviertöchter stehen stramm. Eine Hochzeitsgesellschaft von ca. 10 Leuten (ich tippe auf Braut/Bräutigam/Schwiegereltern/Trauzeugen) betritt den Raum. Ich sitze in meiner Ecke und frage mich, ob ich auch aufstehen soll. Ich lasse es sein. Braut und Bräutigam schreiten dann von Tisch zu Tisch um allen die Hand zu geben. Irgendwie ein lustiges Szenario. Nach ca. 3 Minuten ist alles vorbei und die Leute setzen sich und essen weiter. Hochzeit Korea-Style.
Am nächsten Morgen war bereits um 4 Uhr Tagwache. Jetlag. An schlafen war nicht mehr zu denken, ich war hellwach. Zum Glück habe ich einen Fernseher mit 42 Kanälen, wird wohl was gescheites laufen. Kanal 32. Korean Sports. Juventus Turin – Inter Mailand live. Ich schaue die ganzen 90 Minuten dieses Spiels und bekomme Lust auf Fussball. Ich weiss, dass das Finale der Koreanischen Fussballmeisterschaft genau heute Nachmittag um 2 angepfiffen wird. Ich weiss aber auch, dass dieses Spektakel ca. 250 km südlich von Seoul stattfinden wird, in Jeonju. Den ganzen Tag für Fussball opfern? Bin ich verrückt? Herz gegen Verstand. Verstand verliert, um 4tel vor 8 mache ich mich auf Richtung Seoul Station um den Zug um 8.25 zu erwischen. Kurze Zeit später sitze ich auf dem mir zugewiesenen Platz. An der nächsten Station sitzt eine ältere Koreanerin neben mich. Kaum fährt der Zug, fängt sie an, mich mit Fragen zu löchern. Zumindest tönt es wie wenn es Fragen wären. No idea. Nach ein paar Minuten sage ich ihr höflich, dass ich sehr sorry sei „but I don’t understand Korean“. Sie lächelt, um kurz darauf loszulegen, wie es Beni Thurnherr in seinen besten Zeiten nicht fertig gebracht hätte. Als sie mich sehr fragend anschaut (was hat sie wohl gefragt?), wusste ich mir nur noch mit einem entschiedenen „No Korean, I Switzerland“ (mein Gott, wo hat der Typ Englisch gelernt?) zu helfen. Ein weiteres Lächeln, doch die Plauderei hörte nicht auf. Fortan nickte ich alle 30 Sekunden mit einem höflichen Lächeln und innerlich hoffte ich, dass die Frau mir nichts tragisches erzählt. Irgendwann schlief sie ein und ich konnte die Zugfahrt geniessen. Unglaublich, was man da alles sehen kann. 1 1/2 Stunden vor Anpfiff war ich am Zielort und ich erwartete eigentlich auch andere Fussballfans, doch dergleichen war nix zu sehen. Auf zum Taxi (sensationell, dass man dieses Wort auf der ganzen Welt gebrauchen kann). Der Taxifahrer scheint von einem Fussballstadion nix zu wissen. Englisch kein Thema. Meine Pantomimen-Künste überzeugen ihn nicht, und er macht Bewegungen als wolle er mich in ein Bowling- oder Boccia-Stadion fahren. Nee, Fussball. Kennt er nicht. Ein anderer Taxifahrer erklärt ihm den Weg und aufgrund seines Gesichtsaudruckes erkenne ich, dass er soeben an einen Ort fahren wird, den er bisher nicht kannte. Nach dem Spiel (Details siehe Spielbericht unter Rubrik Fussball) ging es nicht minder abenteuerlich zurück Richtung Bahnhof und diesen erreichte ich auch nur, da ich mir im Hotel die Mühe gemacht hatte, die relevanten Bahnhofsnamen in Koreanisch auf einen Zettel zu schreiben. Die Rückfahrt verschlief ich grösstenteils und aus diesem Grunde liege ich nun wieder wach und im TV läuft Kanal 24, ESPN Korea, Serie A live. Nein, morgen ist wirklich Sightseeing angesagt.
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